Wissen

e-Mobilität auf zwei Rädern

Verfasst von Hannes Munzinger

Fokusthema e-Bike: Mit dem Elektrovelo gegen den Stau

Im Kanton Zürich ist das Auto das wichtigste Verkehrsmittel(1) – mal eben das Nötigste einkaufen, mal schnell zum Sport, die Kinder zur KiTa fahren – jederzeit und wann immer es einem danach ist. Es überrascht nicht, dass in der Schweiz rund 4,7 Millionen Personenwagen eingelöst sind. Bleiben wir bei den 737 Tausend PW’s im Kanton Zürich, entsprechen diese wiederum 3’685 km an Parkfeldern oder einer durchgängig aufgestauten Autobahn Zürich-Genf mit 13.3 Spuren. – Dennoch darf sich der Kanton Zürich dank steigender Urbanisierung an einem der niedrigsten Motorisierungsgraden der Schweiz erfreuen. Und das stimmt uns positiv.

Werktag im Zürcher Unterland

Velonutzung im Alltag

Die durchschnittlichen Veloverkehrszahlen im Kanton Zürich dösen seit Jahren im einstelligen Prozentbereich. Dabei gibt es bei der Verkehrsmittelwahl zwischen städtischen und ländlichen Gegenden offensichtliche Unterschiede. Doch selbst in ländlichen, hügeligen Gegenden gewinnt das Velo als Alltagsverkehrsmittel allmählich an Bedeutung. Vor allem die Elektrounterstützung bringt viele Menschen auf den Geschmack. Ein grosser Teil ist bisher noch Freizeitveloverkehr. Aber selbst weitab der grossen Städte staut es. So wird das Velo zusehends zur stressfreien Alternative.  Und weil man dank E-Unterstützung mit schlankem Profil entspannt voran kommt, macht es wirklich Freude, auch werktags in die Pedale zu treten.

Emissionsfreie Mobilität

Das Velo hat ein grosses Potenzial, verkehrliche Leistungen zu übernehmen. Deutlich weniger Masse bringt uns dazu, trotz wachsender Mobilitätsbedürfnisse mit weniger Energie-, Ressourcen- und Platzbedarf zu wirtschaften. Die Automobilität ist da ganz anders abgebogen. Grössere, schwere Fahrzeuge mit dem Versprechen auf mehr Distinktionsgewinne liegen im Trend. Da spürt man wenig vom Verständnis dafür, dass wir keine Zeit mehr haben, die Ökologie hinten anzustellen.(2) Mit Reparierbarkeit und dem Recycling von Verschleissteilen, Akkus inklusive, finden wir schneller zu einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft. Es führt kein Weg an Suffizienz vorbei, falls wir den künftigen Generationen ein noch funktionierendes Ökosystem hinterlassen wollen.

Illustration des Waldrandes am Chäferberg Zürich nach schwerer Fallböe
Waldrand nach schwerer Fallböe am Chäferberg

Verkehrsleistungsträger e-Velo

Dank elektrischer Unterstützung sind in den letzten Jahren spannende und sinnvolle e-Velotypen entstanden. Vom Speed-Pedelec als Pendlervelo für Langstrecken über das vollverkleidete Pedelec mit Regendach bis zum Lastenvelo für Familien oder Gewerbe:

  • Kein anderes Elektrofahrzeug schafft dank rund 30% Muskelkraft mehr Kilometer je Kilowattstunde.
  • Die e-Unterstützung erhöht den Aktionsradius zusätzlich.
  • Die e-Unterstützung macht das Velo zwar teurer, aber auch sicherer, stabiler und alltagstauglicher.
  • Ab rund zweihundert Kilometern Fahrt gleicht sich die CO₂-Bilanz der e-Velo-Herstellung allmählich aus, falls man damit einen Verbrenner ersetzt.(2)

Und ob für den Transport von 80 Kilogramm Mensch ein Akku drei oder dreihundert Kilogramm wiegt, hat für die Effizienz des Fahrzeugs enorme Auswirkungen. Beispielsweise lässt sich der Einkaufswagen mit drei Litern Milch im Karton locker schieben. Für dreihundert Milchkartons braucht es bereits den Pallettenrolli. Je leichter das e-Fahrzeug, desto ergiebiger. Schon deshalb sollte man sich beim e-Fahrzeugkauf nicht am Eventualbedarf orientieren. Einmal im Jahr ins Tessin fahren kann man auch mit dem Zug oder einem Mietwagen. Und auf Fahrten von täglich zwei mal 15 bis 25 km dürfte das e-Velo längst die bessere Wahl sein.

Lebensentwurf Velofahren

Was braucht es für den Umstieg aufs Velo? Vorerst einmal sichere, bedarfsgerechte Veloinfrastruktur. Da wir diese im Laden nicht kaufen können, sind wir angewiesen auf Politik, Bund, Kantone und Gemeinden. Sie sind gefordert, griffige Gesetze zum Vorteil der aktiven Mobilität, Fuss- und Veloverkehr zu erlassen. Dies ist eine Herkulesaufgabe in einer Gesellschaft, die vom und mit dem Auto lebt. So wird es Jahrzehnte gedauert haben, bis Veränderungen deutlich spürbar werden.

Sichere Alltagsvelorouten

Neben etwas Mut, voll aufs Velo zu setzen, ist der Ausgangspunkt die Recherche zur Findung der besten Route. Derzeit ist man mit Google Maps wohl am Besten bedient. Zwar findet man in den Karten des Gis-Browsers das behördlich verbindliche Alltagsvelonetz des Kantons Zürich. Andererseits sind die Veloverbindungen im Alltagsvelonetz von wegen 1’200 Schwachstellen und Netzlücken noch nicht stets die beste Wahl. Eine Ergänzung ist dabei die Velokarte von SchweizMobil mit seinen Freizeitrouten. Eilt es nicht, sollte man unbedingt mit dem Velo alternative Routen ausprobieren. Das bereichert die Ortskenntnis und hat oft etwas von kleinen Entdeckungsreisen. Auch wenn man zeitweise mit vor Treppen oder Fahrverboten stecken bleibt, entdeckt man manch Schönes, was die eigene Umgebung zu bieten hat.

Das passende Velo

Passend zur der Route und den persönlichen Wünschen braucht man ein entsprechendes Velo. Will man ein möglichst vielseitig nutzbares Modell, landet man recht schnell bei der e-Variante. Elektrovelos ermöglichen. Sie streichen zu überwindende Höhenmeter oder auch längere Strecken aus der Rechnung des Zweifels.

based on photo by schindelhauer bikes

Schutz vor Wind und Wetter

Das Velo ist kein voll klimatisiertes Wohnzimmer auf Rädern. Will man bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit Velofahren, gehören saisonale Kleider, Regen-, Wind- und Kälteschutz dazu. Velobrille, Handschuhe und Helm nicht vergessen. Ist der Kälteschutz zu gering, wird eisiger Fahrtwind recht schnell schmerzhaft. Aber selbst minus zehn Grad Celsius funktionieren mit zimmerwarmem Akku problemlos.

Top-Ausrüstung

Zu einer Top-Ausrüstung zählen gutes Velolicht und Reflektoren. Wasserfeste Taschen oder Messengerbags beschützen die Habseligkeiten, gute Schlösser das Velo selbst. Zwar waren wir Menschen auf dem Mond. Komplett unplattbare Veloreifen gibt es dennoch nicht wirklich. Deshalb braucht man Flickzeug für den Notfall. Es kommt tatsächlich so Einiges zusammen, woran man denken sollte.

Velo oder nicht Velo …

Ein herzhafter Entscheid fürs Velo schlägt sich auf lange Sicht im geschonten Portemonnaie nieder, eventuell in einer besseren Figur, aber ganz sicher in besserer Gesundheit. Selbst Elektrovelofahren hilft gegen die Volkskrankheit Nummer eins, den Bewegungsmangel. Es trainiert den Herzmuskel, schont die Gelenke, baut Muskeln auf und hilft gegen Stress. Velofahren ist wie schnelles zu Fuss Gehen. Im urbanen Raum ist es einfach, schnell und praktisch und entlastet erst noch den Strassenraum.

Selbstverständlich hat das Auto die besseren Karten, da es den Status Quo repräsentiert. Es ist das, was uns vertraut ist, was die Menschen umtreibt und was bei uns so gelebt wird. Der Lebensentwurf Velo adressiert die Vorstellungskraft, bedarf einer veränderten Sicht auf die Dinge, wie wir die Welt neu denken und gestalten können. Ob wir uns in naher Zukunft mehr bewegen oder ob wir stets in noch mehr Autos sitzen bleiben, ist schwer zu sagen. Mit dem Status Quo zerstören wir unsere Lebensgrundlagen. (3) Wie schnell der Ausbau moderner Veloinfrastruktur vorankommt oder auch nur der gegenseitige Respekt im Strassenraum wieder wächst, wird für die Lebensqualität in einer Welt von Morgen einen wesentlichen Einfluss haben.

Bleiben Sie gesund.

Quellenangabe

(1) Aus dem Mikrozensus Mobilität, Amt für Statistik
(2) Aus Verlagerungs- und Klimaeffekte durch Pedelec-Nutzung im Individualverkehr,
einer Studie des Institus für Energie- und Umweltforschung Heidelberg
(3) Fazite aus dem sechsten IPCC Sachstandsbericht des Weltklimarates

Bildquellen

Hannes Munzinger &
Frau mit e-Bike basierend auf Werbefotografie der Schindelhauer Bikes

Neues zum e-Velo aus der Gesetzgebung

Ab April 2022 ist für alle Pedelecs im Strassenverkehr Licht vorgeschrieben, auch tagsüber. (Tagfahrlicht). Ab 2024 muss an S-Pedelecs ein Tacho verbaut sein. (ASTRA)

Weitere Geschichten