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Das Zwiebelprinzip Beitrag von Hannes Munzinger

Jede Jahreszeit hat ihre Reize, besonders vom Velosattel aus betrachtet. Der Frost zieht wieder ins Land und die Velofahrten sind vielleicht schon etwas mehr, als bloss erfrischend. Dieses Mal packen wir uns ein, in etwa so, wie es die Zwiebel tut. Das Zwiebelprinzip verfolgt mit der Schichtung verschiedener Arten von Bekleidung die Kälte abzuhalten.

Schlau gekleidet unterwegs

Das Zwiebelprinzip hat den grossen Vorteil, dass man sich an wechselnde Temperaturen prima anpassen kann, indem man einfach eine Schicht entfernt oder hinzufügt. Mit der Wahl des richtigen Materials gelingt es auch, den Schweiss vom Körper abzutransportieren. Denn Feuchtigkeit gleich am Körper würde uns je nach Aussentemperatur rasch unterkühlen.

Das Mehrschichten-Prinzip

Wahrscheinlich nutzen die meisten von uns das Zwiebelprinzip bereits, mindestens unbewusst. Die Funktionsweise ist einfach und wir haben uns sicher schon unzählige Male Gedanken gemacht, was wir anziehen sollen und welche Kleidungsstücke wir eventuell zusätzlich einpacken:

In der Frische des Morgens tragen wir über die Unterwäsche eine Hose und ein Shirt, einen Pulli oder Hoodie und vielleicht eine wärmende Winterjacke. Am Mittag wärmt bereits die Sonne und wir lassen die Jacke oder den Pulli weg. Am Feierabend mit Freunden kuscheln wir uns gemütlich in den Pulli. Und auf dem Nachhauseweg sind wir froh, unsere Jacke dabei zu haben.

Anders als im Alltag sollte man allerdings bei körperlicher Anstrengung ein paar Dinge beachten, damit das Prinzip seine volle Wirkung entfalten kann:

Erste Lage: Die Basisschicht

Die Unterwäsche muss vor allem trocken und warm halten. Sobald man schwitzt, soll die Feuchtigkeit durch Verdunstung vom Körper weg auf die nächste Schicht übergehen, um ein Auskühlen zu verhindern. Unterwäsche aus Baumwolle ist sehr angenehm auf der Haut, aber für diesen Zweck leider ungeeignet. Deshalb der Tipp des freundlichen Velokuriers:

Um himmels Willen keine Baumwollunterwäsche!

Ideal geeignet sind Baselayer oder Funktionswäsche aus Kunstfasern oder Naturfasern, wie beispielsweise Merinowolle oder Seide. Im besten Fall liegt die Unterwäsche angenehm auf der Haut und schränkt die Bewegung nicht ein.

Zweite Lage: Die Isolationsschicht

Die zweite Schicht isoliert mehr oder weniger durch die Wahl der Materialien und die Anzahl der Lagen. Sie verhindert ein Auskühlen und sorgt gleichzeitig für die Verdunstung vom Wärmeüberschuss des Körpers. Sie ist also die Schicht, die den Schweiss aus dem Baselayer übernimmt und auf die nächste Schicht überträgt. Deshalb muss diese ausreichend atmungsaktiv aber gleichzeitig wärmeregulierend sein.

Hier passen luftige Stoffe aus Kunstfaser, wie beispielsweise Fleece oder mit Kunstfaser wattierte Stoffe. Zur wärmeren Tageszeit können diese Kleidungsstücke auch als Aussenschicht getragen werden. Bestens geeignet sind Jacken, Pullover oder Vestons.

Dritte Lage: Die Wetterschutzschicht

Die äusserste Schicht ist wohl die Wichtigste von allen. Sie schützt vor Witterungseinflüssen wie Wind, Regen oder Schnee. Sie ist entscheidend über die Wasserresistenz der Schutzhülle und beeinflusst die zuverlässige Funktion der ersten beiden Schichten.

Die oberste Schicht isoliert und ist atmungsaktiv zugleich. Sie kann sowohl überschüssige Körperwärme und Feuchtigkeit abtransportieren als auch das Eindringen von Kälte und Nässe verhindern. Andernfalls würden die inneren Schichten nicht funktionieren und es wird feucht und man friert. Es eignen sich Jacken und Mäntel entweder mit einer atmungsaktiven, wasserabweisenden und windfesten Membran oder mit einer absolut wasserdichten Beschichtung und eingenähtem Belüftungssystem.

Aus Sicht des Velofahrenden ist bei Membranstoffen eine richtig hohe Wassersäule empfehlenswert. Denn, je nach Fahrtwind wirkt Niederschlag fast wie ein Abwaschgang mit dem Hochdruckreiniger. Hohe Stehkragen, ähnlich wie bei Skijacken, sind auf dem Velo besser, als Kapuzen. Diese grossen Stofflagen passen selten weder über, noch unter den Helm. Wenn mit Kapuze, dann sollte diese wenigstens abnehmbar sein. Mit Helm wäre die Kapuze im Schlepptau im Nu mit Regen oder Schnee gefüllt. Und mit dem Smartphonelicht findet man sie schneller: In der dunklen Jahreszeit sind am Stehkragen, an Ärmeln oder Rücken eingelassene, reflektierende Materialien das sinnvolle immer-dabei-Sicherheitsmerkmal. Das sind dann die Jackenmit dem wirklich ultimativen Schlechtwetterschutz!

Tipps aus (Velo-)Erfahrung

  • Wenn sich die Velofahrt zu Beginn am Oberkörper etwas zu kalt anfühlt, hat man vermutlich alles richtig gemacht. Die Bewegung wärmt nach und nach. So kommt man nicht stark ins Schwitzen. Schwitzt man trotzdem stark, empfiehlt es sich, ein Kleidungsstück aus der Isolationsschicht zu entfernen.
  • Dennoch sollte man sich von Beginn an so anziehen, dass man beim Ruhen nicht friert.
  • Über Kopf und Füsse verlieren wir am meisten Wärme. Das Zwiebelprinzip lässt sich problemlos auch für Kopf, Füsse und auch die Hände anwenden.
  • Mehrere dünnere Schichten bieten mehr Möglichkeiten, die Kleidung im Verlaufe des Tages anzupassen.
  • Mehrere Schichten helfen jedoch nur, wenn die Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt ist. Kann man wie das Michelinmännchen die Arme nicht mehr an den Körper anlegen, hat man es vermutlich übertrieben.
  • Fürs Alltagsvelofahren bei Schnee und Eis wird man in der Ski- oder Outdoorabteilung momentan vielleicht noch etwas eher fündig, als in der Veloabteilung, wenn es nicht Neonfarben sein sollen. Löbliche Ausnahmen von dieser Regel gibt es jedoch immer mehr.

Unser Tipp am unteren Rande

Lesen Sie unseren früheren Artikel zum Wintervelofahren. Darin finden Sie winterliche Kleidungs- und Velotipps ganz ohne Zwiebeln.

Gute Fahrt ihnen allen und bleiben Sie gesund.

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