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Die Motivation kommt von alleine

Velor: Hannes Munzinger

Vergleichbar ist Motivation vielleicht mit einem Perpetuum Mobile. Einmal angestossen, läuft es aus eigenem Antrieb. Doch wie schon Leonardo Da Vinci urteilte, ist eine Maschine nicht zu realisieren, die einmal in Gang gesetzt aus eigener Kraft läuft. Dennoch ist Velofahren im Alltag in den meisten Fällen ein Selbstläufer.

Wer etwas erreichen will, sucht sich Ziele, wer zaudert sucht sich Gründe.

Die Ziele des Velofahrens …

Es ist simpel: Durch die alltägliche Bewegung mit dem Velo gewinnen Körper und Geist gleichermassen. Das Velo ist ein vergleichbar gemeinwohlorientiertes Verkehrsmittel. Es spart Platz. Es ist frei von Lärm und Abgasen und schont das Portemonnaie. Folgende Ziele rücken durch vermehrte Velonutzung in greifbare Nähe:

  • Sinkende Gesundheitskosten 
  • Sinkende Folgekosten der Mobilität
  • Aufwertung urbaner Lebensräume
  • Weniger Gefahr für Mensch und Tier im Strassenraum
  • Ein greifbarer Absenkpfad für CO₂-Emissionen

Zu hoch gegriffen? Selbst das Elektrovelo ist ein klimafreundliches Fortbewegungsmittel. Unschlagbar wird das aktive Verkehrsmittel in naher Zukunft, betankt mit Strom aus Sonnen- und Windkraft. Zwar erzeugt die Herstellung eines e-Velos mehr CO₂ als sein mechanisches Pendant. Laut Zahlen aus dem Velohandel wird das e-Velo dank der Pedalierhilfe jedoch häufiger genutzt. Zugleich ermöglicht es viel mehr Personenkilometer in Alltagskleidern mit deutlich weniger Schweiss und Duschwasser. Doch all das motiviert alleine nicht zum Umsteigen.

… versus der Gründe dagegen

Die Herausforderungen für eine stabile Zukunft wachsen rasant. Umso höher müssten gesellschaftliche Ziele gesteckt sein. Alte Geschäftsmodelle bröckeln. Und scheinbar hangeln wir uns von Krise zu Krise. Wo Entscheidungen getroffen werden, zählen nicht nur Inhalte, sondern auch Interessen. Daraus entsteht ein Handlungsproblem: das Wahren des Status Quo. Mit diesem Ziel in Gründe gepackt, lässt sich das Velofahren im Alltag besonders leicht klein reden. Geradezu demotivierend wirken folgende Musterbeispiele:

  • Das Velo ist halt ein wetterabhängiges Verkehrsmittel
  • Das Velo kann das Auto nicht ersetzen
  • Wenn es regnet und schneit, fährt sowieso niemand mit dem Velo
  • Velofahren tun nur Linke und solche, die sich kein Auto leisten können
  • Velofahren ist viel zu gefährlich

Lassen wir diese marginalisierende Rhetorik für einmal einfach so im Raume stehen.

Die Frage aller Velo-Fragen

Ist das Velofahren ohne sportliche Ambitionen überhaupt noch sinnvoll oder erstrebenswert? Velo oder nicht Velo? Die Antwort darauf fällt mir leicht. Aus eigener Erfahrung: Ja, unbedingt! Die Vorteile für jeden Einzelnen liegen auf der Hand. Selbst für Automobilisten hat es klare Vorteile. Denn mehr Velos im Alltagsverkehr bedeuten weniger Autos im Strassenraum und somit weniger Stau. Mehr Velofahrende bedeuten aber auch rasch überforderte Veloinfrastruktur, falls wir den heutigen Status beibehalten. Der Auftrag aus dem Bundesgesetz über Velowege an die Kantone und Gemeinden ist klar definiert. Daher bin ich voller Zuversicht.

Aber das Wesentliche zum Ende dieser Velo-Geschichte: Wenn man die gröbsten Hürden aus dem Kopf vertrieben hat und für ein paar Wochen per Velo das Draussen neu kennenlernt, die Jahreszeiten deutlicher spürt und einmal begleitet von neugierigen Jungschwalben entlang von Feldern fährt, erkennt man, dass das Velofahren einem fehlen wird, wenn die Zeit gekommen ist, es loszulassen.

Die Motivation kommt von ganz alleine. Oder wie ich es zu sagen pflege, die Gefahr besteht, dass das Velofahren mit einem passenden Alltagsvelo uns den Ärmel so richtig hineinzieht.

Gute Fahrt Ihnen allen, egal womit Sie unterwegs sind.

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