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Reifen, Pech & Platten Text: Hannes Munzinger

Kaum etwas ist für Velofahrende ärgerlicher, als ein platter Reifen. Zwar liessen sich dank der Sorgfalt einer Gesellschaft die Scherben fliegender Glasflaschen oder die welken Blätter des rostigen Nagelbaumes grundsätzlich vermeiden. Doch leider sind diese Reifenschlitzer recht häufig anzutreffen. Wo Littering längst nicht mehr bloss ein Wort, sondern alltäglich am Strassenrand ist, gibt es hier für Velofahrende Tipps, wie man sich gegen platte Reifen schützen kann.

Grundsatz richtiger Reifendruck

Eine leicht zu übersehendes, doch effektives Mittel gegen Reifen- und Schlauchschäden, ist das regelmässige Überprüfen des Reifendrucks. Der richtige Reifendruck garantiert die Stabilität des Reifens und somit des ganzen Systems Laufrad. Je voluminöser ein Reifen ist, je geringer darf der Reifendruck sein. Der minimale und maximale Reifendruck sind übrigens stets seitlich am Reifen in Bar und in PSI (pound-force per square inch) eingeprägt.

Strategie Reifen mit Pannenschutz

Schon länger gibt es von einigen Herstellern Reifen mit Pannenschutz, der die Gummimischung eingelassen ist. Eine dicke Kautschuk-Schicht unter der Lauffläche sorgt dafür, dass sich Glassplitter, Schrauben oder andere spitze Gegenstände nicht bis zum Schlauch durcharbeiten können – so wenigstens die Theorie. Für leichtere Pannenschutzreifen wird eine Schicht aus Kevlar in den Gummi vulkanisiert, also das selbe, reissfeste Gewebe, welches in Schusswesten Verwendung findet.

Vor- und Nachteile

Schlussendlich bieten diese stabilen Reifen guten Schutz auf der Lauffläche. Von seitlichen Einstichen ist man damit dennoch nicht gefeit. Falls das Velogewicht relevant ist: gute Pannenschutzreifen bringen spürbar mehr Gewicht auf die Waage. Klar sind sie in der Regel deutlich teurer, als einfache Reifen, aber auch deutlich langlebiger.

Strategie pannenfeste Schläuche

Als Ergänzung zum Reifen mit Pannenschutz sind auch strapazierfähigere Schläuche im Handel erhältlich. Von einer dickeren Gummischicht verspricht man sich einerseits weniger Luftverlust, andererseits höheren Pannenschutz und erst noch weniger Wartungsaufwand.

Von den Schwergewichten abgesehen drängen auch superleichte und doch stichfestere Schlauchmaterialien auf den Markt und buhlen um die Aufmerksamkeit der Kundschaft. Wir sehen wir oranges Polyurethan gegenüber durchsichtigem Polyurethan, beides auf kleinstes Packmass zusammenrollbar, Made in Germany versus Made in Austria.

Vor- und Nachteile

Das kleine Hosensack-Packmass und das minimale Gewicht mit hoher Widerstandsfähigkeit sind die grossen Vorteile des neuen Systems. Der Schlauch muss jedoch passgenau gekauft werden. Und nichts desto trotz – für alle Kontrahenten sind passende Flicken verfügbar. Aber wer will den schon hundertprozentigen Pannenschutz?

Strategie ohne Luft

Eine bekannte Fahrradreifenfirma stellte 2018 eine echte Alternative zum Schlauch vor. Airless ist ein System, welches ganz auf Luftdruck im Reifen verzichtet. Ein thermoplastischer Polyurethanwulst wird statt der Luft unter den Reifen gepackt und verspricht eine pannenfreie Fahrt bis 10’000 Kilometer. Mit einem gefühlten Reifendruck von etwa 3.5 Bar lässt sich das Velo gewohnt gut fahren, ohne es jemals mehr pumpen zu müssen.

Vor- und Nachteile

Einer Markdurchdringung stehen vermutlich im Wege, dass dieses System nur ausschliesslich von zertifizierten Händlern montiert werden kann. Ausserdem sollte ein maximales Fahrgewicht von 100 kg nicht überschritten werden. Dennoch wäre das System, vor allem für Vielreisende wie Velo-PendlerInnen, eine spannende Lösung.

Strategie schlauchlos

Das Tubeless-System, von den Einen geliebt, von den Anderen gehasst, ist wie die Milch im Earl Grey Tee. Mit dem Unterschied, dass die Milch zwingend ins Tubeless-System gehört und ich mir meinen Earl Grey weiterhin ohne genehmigen darf. Für ein schlauchloses Laufrad benötigt man einiges an Zubehör:

  • “tubeless-ready” Felgen und Reifen,
  • ein Tubeless-Ventil, 
  • ein spezielles Felgenband,
  • Tubeless-Milch,
  • Handschuhe,
  • Putzlappen und
  • idealerweise einen Kompressor zum Aufpumpen.

Je sauberer die Felge, je luftdichter ist später der Sitz des schlauchlosen Reifens. Mit dem selbstklebenden Felgenband verschliesst man die undichten Stellen entlang der Speichenschrauben. Das Ventil wird direkt auf die Felge geschraubt und der Reifen montiert. Mit einem Kompressor wird jetzt Luft aufgefüllt, bis der Reifen mit einem lauten “Klack” ins Felgenmaul springt.

Jetzt wird Luft wieder abgelassen und der eigentliche Ventilteil vom Ventilschaft abgeschraubt. Damit entweicht der verbleibende Luftdruck. Jetzt kann die Tubeless-Milch problemlos durch den offenen Ventilschaft eingefüllt werden. Das Ventil wird wieder aufgeschraubt, der Reifen gepumpt, die Milch verteilt und fertig ist das schlauchlose Laufrad.

Vor- und Nachteile

Ob seitlich oder auf der Lauffläche – ein Durchstich des Reifens wird sofort verschlossen. Das Geheimnis ist die Milch ist aus Latex. Sie ist extrem klebrig, verklumpt und trocknet sehr schnell an der Luft. Dies ist auch gleichzeitig ein Problem. Das Zeug klebt an Allem. Obendrein muss die Milch, je nach Hersteller, bereits nach etwa drei Monaten nachgefüllt, beziehungsweise ersetzt werden. Ansonsten verklebt und verklumpt das Latex im Reifeninneren und zersetzt sich regelrecht. Deshalb ist ein Tubeless-System doch relativ aufwändig im Unterhalt. Eine Montage ohne Instruktionen ist nicht zu empfehlen. Aber die Mühe lohnt. Denn, ist ein Schnitt nicht allzu breit, schützt die Milch recht zuverlässig vor platten Reifen. Und für die absolute Sicherheit weitab jeder Zivilisation kann man ja trotzdem ein kleines Notfallset mit Polyurethan-Schlauch und Minipumpe mitführen.

Bonusrunde: Schlauch flicken

Ach ja, da war doch noch was: Wer es weniger klebrig mag, setzt auf einen herkömmlichen Schlauch mit Reifenheber, Flickzeug und Minipumpe im immer-dabei-Velogepäck. Wie ein Flicken angebracht wird, zeigt uns Wim Kolb, der Rahmenbauer aus einer früheren Velo-Geschichte.

Viel Spass und Ihnen allen eine gute, sichere und hoffentlich pannenfreie Velofahrt.

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