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Stéphanie Larissa Rossner, 22, Studentin Ich fahre selten unter 400 km pro Woche Aufgezeichnet von Sandra Hürlimann

Meine Velos sind mein wertvollster Besitz. Am meisten nutze ich im Moment mein schwarzes Rennvelo «Ferry», welches ich mir vor viereinhalb Monaten gekauft habe. In dieser Zeit legte ich bereits über 10’000 Kilometer damit zurück. Ich fahre einfach leidenschaftliche gerne Velo.

Stéphanie und ihr neuer Renner weit ab vom Autoverkehr

Egal, ob als Training oder als Transportmittel zur Uni, zur Arbeit oder zum Einkaufen – ich fahre selten weniger als 400 Kilometer pro Woche. Im Moment bin ich sogar bei ungefähr 600. Daneben laufe ich zum Ausgleich. Ja, stillsitzen ist nicht so Meins. Ich bin viel lieber draussen in der Natur unterwegs. Das ist unter anderem auch ein Grund, warum ich selten direkt von meinem Zuhause in Küsnacht über die Seestrasse an die Uni oder zur Arbeit in der Stadt fahre. Ich nehme gern auch mal einen weiteren Umweg. Zum Beispiel fahre ich sehr gern dem Greifensee entlang. Den bau‘ ich mir dann einfach in meinen Weg ein. Besonders am Feierabend ist das Licht dort extrem schön. Bei der Runde erlebt man den ganzen Sonnenuntergang. Wenn ich Zeit habe, setze ich mich gerne noch kurz auf den Steg bei der Badi. Das ist einer meiner absoluten Lieblingsorte.

Raum für sich selbst erfahren

Für mich bedeutet Velofahren Freiheit. Wohin ich fahre, ist ganz allein meine Entscheidung. Ich treffe diese auch sehr bewusst, was in anderen Situationen manchmal nicht ganz so einfach ist. Das Leben in der Leistungsgesellschaft ist von den Meinungen anderer geprägt, die von allen Seiten auf dich einprasseln, sodass man oft gar nicht mehr sicher ist, was man eigentlich selber will. Das überfordert mich manchmal und dann bin ich jeweils froh, wenn ich mich auf den Sattel schwingen und losfahren kann. Das hilft mir, wieder zu mir selber zu finden und mich selbst zu fühlen. Beim Velofahren kann ich mich auf das fokussieren, was ich wirklich will und mit mir einen Weg ausmachen, wie ich dahin komme.

Auch auf meinen Alltagsfahrten, bei denen nicht in erster Linie eine sportliche Leistung im Vordergrund steht, habe ich Raum und genügend Sauerstoff im Gehirn für solche Gedanken. Ich versuche mich dann ganz auf mich zu konzentrieren, darauf, was ich gerade fühle, was mich beschäftigt und vor allem auch darauf, was mich im Moment glücklich macht. Daneben beobachte ich, was an mir vorbeizieht, nehme bewusst einzelne Dinge wahr und lasse sie dann ebenso bewusst wieder los. «Catch and Release» nenn’ ich dieses Prinzip. Mittlerweile kann ich das auch auf ganz andere Situationen in meinem Leben anwenden. Es hilft mir beispielsweise, negative Gedanken zu überwinden und mich auf neue Dinge einzulassen.

Velofahren ist in meinen Augen nicht nur eine Leidenschaft, sondern ein Lebensgefühl.

Es gibt für mich keine Velo-Saison – ich fahre immer. Denn Velofahren ist in meinen Augen nicht nur eine Leidenschaft, sondern ein Lebensgefühl. Klar, ich passe meine Ausrüstung und mein Fahrverhalten den Bedingungen an, verwende zum Beispiel Pneus mit mehr Profil, bin in einem etwas gemächlicheren Tempo unterwegs. Doch schlechtes Wetter hält mich nicht vom Velofahren ab. Nur bei Glatteis oder extrem starkem Wind nehme ich sicherheitshalber lieber den Zug.

Wenn man im Winter draussen unterwegs ist, kommt es manchmal zu fast ein bisschen surreal anmutenden Begegnungen. Kürzlich haben eine Freundin und ich beispielsweise eine Tour über den Atzmännig gemacht. Links und rechts der Strasse waren die Leute am Skifahren und Schlitteln. Die Blicke waren unbezahlbar! Obwohl ich auch gern im Winter fahre, grundsätzlich sind mir etwas wärmere Temperaturen schon lieber.

Besonders mag ich den Herbst. Und das liegt nicht nur daran, dass ich es liebe, wenn sich die Landschaft farblich verändern. Im Herbst habe ich auch mit dem Rennvelofahren angefangen. Zwar habe ich das Velo schon als Kind genutzt um zur Schule zu kommen und auch öfters mal mit meinem Vater Touren unternommen, aber so richtig für mich entdeckt habe ich es erst vor ungefähr sechs Jahren.

Immer längere Distanzen meistern

Mein Vater überliess mir damals sein altes Rennvelo. Zu der Zeit lief ich Marathon und habe das Velofahren als Ausgleich und zum Spass nebenbei angefangen. Auf dem Velo war ich frei, weit weg von den starren Trainingsplänen des Laufsports. Irgendwann habe ich dann angefangen, systematisch schöne Orte mit dem Velo abzufahren, an denen ich schon einmal mit dem Zug oder Auto war. So wurden die Distanzen immer länger.

Heute artet es in dieser Hinsicht auch mal etwas aus. Letztes Jahr im Spätsommer bin ich zum Beispiel spontan nach Konstanz gefahren. Einfach so, weil ich dachte, dass ich da schon lange einmal hinwollte. Ich war schon am Greifensee und unterwegs nach Eglisau, als ich mich dazu entschied, noch weiter an den Bodensee zu fahren. Meinen Rückweg plante ich via St. Gallen. Am Schluss kamen so etwas mehr als 200 Kilometer zusammen. Wieder zu Hause war ich einfach nur unglaublich glücklich und stolz, dass ich mich trotz Hunger und Müdigkeit bis zum Schluss durchgekämpft habe.

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