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Peter Nell, 76, Velotouren-Leiter Velofahren ist für mich ganzheitlich. Kein Sportprogramm, das ich runterspule Aufgezeichnet von Vanessa Sadecky

Als ich einst eine 1.-August-Rede in meiner Gemeinde halten durfte, konzipierte ich diese auf dem Velo unterwegs. Ich nahm mir vor, nichts aufzuschreiben und es klappte. Nach ein paar Velotouren stand die Rede. So etwas geht natürlich nur, wenn man nicht im Strassenverkehr unterwegs ist, abseits in der Natur, nirgends wo man sich gross konzentrieren muss. Man pedaliert und kommt in einen Fluss rein. So löste ich früher auch viele Arbeitsprobleme oder verarbeitete Dinge, die mich beschäftigten.

Wenn ich alleine auf Velotour gehe, bin ich manchmal sehr spontan. Natürlich schaue ich in die Agenda, ob es noch Platz hat. Ich bin sehr engagiert und gebe zum Beispiel noch Tennisstunden. Teilweise reicht es dann nur für eine kurze Tour im Furttal. Im Sommer unternehme ich von meinem Haus in Dällikon aus Tagestouren. Ich lasse mich dann aber nicht stressen, fahre gemütlich morgens um 5 Uhr los. Und falls ich an einem Morgen keine Lust habe, lass ich das Velo einfach stehen. Ich fahre nicht Velo, weil ich muss.

Meine Tour-Vorbereitung ist ganz kurz. Das Velo steht im Keller und ein kleiner Rucksack mit Reparatur-Material liegt immer bereit. Ich bin kein „Gümmeler“, das heisst, ich habe kein Rennvelo, sondern ein Mountain-Bike mit breiten Pneus. Am liebsten fahre ich auf Naturstrassen einen wunderschönen Fluss wie der Aare entlang.

Wenn ich ältere Herren sehe, die sich den Klausenpass hoch quälen, muss ich schmunzeln

Während einer Velotour nehme ich alles, wie es gerade kommt. Wenn es mir unterwegs irgendwo gefällt, gehe ich vielleicht baden und dann geht es halt noch nicht weiter zum Ziel. Das ist das Angenehme, wenn man für sich alleine eine Tour fährt.

Natürlich ist das anders, wenn ich mit Leuten unterwegs bin. Ich bin Velotourenleiter für Pro Senectute im Kanton Zürich. Ich veranstalte beispielsweise jedes Jahr eine Stadt-Zürich-Tour zu einem speziellen Thema. Zum Beispiel über Architektur, grosse Baustellen oder Brunnen. Das macht mir viel Spass.

In diesem Fall plane ich die Touren peinlich genau. Man kann nicht mit 30 Menschen unterwegs sein und dann merken, dass man sich verfahren hat. Früher plante ich die Touren mit normalem Kartenmaterial. Seit ein paar Jahren hilft mir das Online-Programm „Schweiz Mobil“. Da findet man Routen für Velofahrer, Wanderer, Schneeschuhläufer und, und, und. Ich zeichne damit die Touren und die Kilometer sowie die Höhenmeter werden gleich mitberechnet. Die fertige Route muss ich mir dann nur noch aufs Smartphone laden.

Ich mache in meinem Alter keine Klausenpass-Touren mehr. Ich muss schmunzeln, wenn ich ältere Herren sehe, die das immer noch unbedingt schaffen wollen. Am Berg oben fallen sie dann schier ab der Velostange.

Als kleiner Junge liebte ich es, Dreirad zu fahren. Ich hatte eine Freundin im Kindergarten. Die chauffierte ich einmal damit nach Hause. Am nächsten Tag fuhr sie mit einem anderen Jungen mit. Darüber regte ich mich grauenhaft auf!

Vor meiner Pensionierung war ich beruflich sehr engagiert und hatte keine Zeit fürs Velofahren. „Ume heue“, also schnell aufs Velo hüpfen und losstressen wollte ich nie. Mit 62 bin ich bereits in Pension. Nicht weil der Beruf mir gestunken hat, sondern weil ich noch etwas mit Muskelkraft machen wollte. So hatte ich wieder mehr Zeit für das Velofahren.

Der Tod meiner Frau hat bestimmt auch damit zu tun, dass ich ein so engagierter Velofahrer geworden bin. Ich sagte mir bei der Pensionierung, dass man sich alle Türchen offen halten muss. „Ich gehe in Rente und mache jetzt nichts mehr!“, sagen viele Rentner und fallen nach drei Monaten in ein tiefes Loch. Das wollte ich verhindern und es ist mir gelungen.

Mir ist ganz wichtig festzuhalten, dass Velofahren für mich etwas Ganzheitliches ist. Es ist kein Sportprogramm, das ich runterspule. Ich schliesse beim Velofahren auch den Geist und die Seele mit ein, nicht bloss den Körper.

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