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Nini de Paris, 50, Künstlerin und Artistin Ich lebe gerne einfach und manchmal packt mich das Fernweh. Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

Ich habe mein Velo am Strassenrand «sterben» sehen und gewusst, dieses Fahrrad muss ich haben. Mit viel Liebe erweckte ich es zu neuem Leben. Ich habe es auseinander gebaut, geputzt, angemalt und wieder zusammengeschraubt. Ich war ganz erstaunt. Irgendwie hatte ich alles richtig gemacht. Auf jeden Fall konnte man nachher wieder damit fahren. Da ich die Lenkstange, den Veloständer, die Pedalen und die Lampe mit Gold bemalt und auch auf dem schwarzen Rahmen viele kleine goldene Kunstwerke verewigt hatte, nannte ich mein neues, altes Velo «Or». Das bedeutet auf Französisch Gold.

Nini de Paris mit ihrem restaurierten Velo „Or“ am Limmatweg

Mein Name ist Virginie, ich nenne mich kurz «Nini de Paris». Ich bin Französin und lebe schon lange in der Schweiz. Viele Leute denken, dass ich diesen Künstlernamen wegen Paris und der damit verbundenen Assoziation zur Kunst gewählt habe. Aber ich suchte diesen Namen aus, weil ich tatsächlich aus Paris stamme.

«Upcycling»

Ich bin Künstlerin und Artistin, besuchte in Frankreich eine Kunstschule und studierte Design und kam dann übers Theater zur Artistik. Ich war lange mit verschiedenen Zirkussen in ganz Europa unterwegs und zeigte dem Publikum viele Nummern in luftiger Höhe am Trapez und am Vertikalseil/-tuch. Heute lebe ich mit meinem Mann, der Fotograf ist, und meiner Tochter mitten in der Stadt Zürich. Dort betreibe ich eine andere Art von Kunst, ein Tattoo-Studio.

Aber ebenso oft wie in meinem Studio, bin ich in meinem Atelier in Schlieren anzutreffen. Dort widme ich mich der Malerei und der dreidimensionalen Kunst. Mein Holzwagen mit kleinem Heizofen ist dafür meine Basis. Hier kann ich malen und aus Material, was keine Verwendung mehr findet, stelle ich etwa Skulpturen her. Ich bezeichne meinen Stil und meine Tätigkeit als «Upcycling». Ich mache aus alten, ausgedienten Gegenständen etwas Neues, werte sie auf, hauche ihnen neues Leben und somit einen neuen Daseinszweck ein.

Das Velo ist mein Transportmittel. Ich nehme sogar unsere Katze mit.

Um von Zürich in mein Atelier nach Schlieren zu gelangen, benutze ich täglich «Or». Von meinem Zuhause radle ich den grössten Teil der Strecke der Limmat entlang. Ich mag es, da es so schön flach ist. Von Tür zu Tür sind es etwas mehr als acht Kilometer. So lege ich pro Tag gut 16 Kilometer zurück. Ich liebe die Freiheit und bin froh, nicht an einen Fahrplan gebunden zu sein. So fahre ich das ganze Jahr über mit dem Velo.

Nini mit ihrem Velo und den auffälligen Kuhfelltaschen radelt an der Limmat entlang

Das Velo ist für mich wirklich ein reines Transportmittel. Manchmal ist es schwer bepackt. Sehr oft nehme ich sogar unsere Katze in einem Spezialrucksack mit nach Schlieren. Es gefällt ihr, bei mir rund ums Atelier herumzustreunen. Am Gepäckträger meines Velos habe ich zudem zwei Saccochen aus Leder mit Kuhfell montiert. Da passt richtig viel rein. Ich habe immer allerlei zu transportieren.

Gedanken nachhängen

Meinen Arbeitsweg schätze ich sehr. Ich bin gerne in der Natur, am Wasser. Das ist wunderschön. Mir gefällt der Wechsel der Jahreszeiten. Besonders jetzt im Herbst hat es der Limmat entlang oft Nebel. Das wirkt sehr mystisch, was mir unheimlich gut gefällt. Beim Velofahren kann ich wunderbar meinen Gedanken nachhängen. Sie sind überall. Ich kann ihnen so richtig freien Lauf lassen.

Kunst ist bei mir allgegenwärtig. Ständig denke ich an nächste Projekte. Ich mag die Natur, Tiere und Pflanzen. Deshalb sind sie oft auch Gegenstand meiner Gemälde und Tätowierungen. Auf meinem Weg von Zürich nach Schlieren entdecke ich vielmals spannende Dinge.

Weniger ist mehr

Ich lebe gerne einfach. Manchmal ist einfach einfach mehr. Wir überlegen uns sogar bewusst, wie wir als Familie noch einfacher leben könnten. Wir würden gerne raus aus der Stadt ins Grüne ziehen. Unser Traum wäre ein eigener Garten mit viel Gemüse und die Möglichkeit mein Tattoo-Studio, das Atelier und unseren Wohnraum an einem Ort zu vereinen. Ich träume von einer Scheune für meine Kunst und mich. Meine Umwelt ist mir ebenfalls sehr wichtig. Auch deshalb nutze ich so oft das Velo. Die Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft finde ich bedenklich. All meine Sachen brauche ich so lange wie möglich. Immer neues kaufen liegt mir nicht. Da möchte ich ein Vorbild sein.

Schnelle E-Biker und Hunde

So einmalig mein Arbeitsweg auch ist, er hat auch seine Kehrseite: Schon zwei Mal hatte ich fast einen Zusammenstoss mit E-Bike-Fahrern. Ich finde, manche E-Biker sind sich nicht bewusst, wie schnell sie unterwegs sind. Die fahren wirklich mit einem sehr hohen Tempo.

An der Limmat spazieren auch viele Hundehalter mit ihren Vierbeinern. Leider sind diese nicht immer gut erzogen und angeleint. Dann habe ich manchmal Angst, dass mir ein Hund vor mein Velo rennt und ich nicht rechtzeitig bremsen kann. Es stört mich nicht, wenn Hunde frei herumlaufen. Aber sie sollten ihrem Herrchen gehorchen, wenn sie gerufen werden. Auf einem Abschnitt entlang der Limmat hat es zum Teil sehr grosse Steine in der Naturstrasse. Manchmal ist das etwas holprig. Aber «Or» schafft das!

Fernweh

Ab und zu packt mich das Fernweh nach der grossen weiten Welt und den früheren Zeiten, wo ich in ganz Europa mit dem Wohnwagen unterwegs war. Dann überlege ich mir, wie ich mein Velo umgestalten könnte, um noch mehr darauf verstauen zu können. Dann würde ich einfach losfahren, ohne Ziel und überall dort verweilen, wo es mir gefällt. Es wäre so einfach. Das Velofahren schenkt mir dieses grossartige Gefühl von Freiheit.

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