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Marco Sirol, 22, Velokurier Statt Google Maps nutze ich einen Stadtplan. Aufgezeichnet von Vanessa Sadecky

Ich hätte nie gedacht, dass mich meine Arbeit als Velokurier so packt! Zuerst war es bloss ein Nebenjob, in einer Zeit, in der ich verschiedene Jobs ausprobierte. Nach und nach durfte ich mehr Schichten übernehmen, bis an die acht pro Woche. Da bist du quasi nur noch am Velofahren, Essen und Schlafen. Jedenfalls war das bei mir so. Mittlerweile arbeite ich auch im Büro, meistens einen halben Tag. So kann ich meine Energie einteilen und morgens mit frischen Beinen starten.

Ich liebe das Velofahren. Ich wuchs neben einem Velogeschäft in Wollishofen auf. Ich bewunderte die schönen Bikes mit Scheibenbremsen und träumte davon, eines zu besitzen. Als Teenager bin ich dann Downhill-Rennen gefahren – mit Scheibenbremsen am Bike.

Wir arbeiten im Schichtbetrieb. Eine Schicht dauert fünf Stunden. Ich arbeitete auch schon zehn Stunden am Stück. Dann komme ich mit weichen Beinen in die Zentrale zurück, geniesse dennoch mit breitem Grinsen mein Feierabendbier unter Kollegen.

Uns Velokuriere bucht man für alles, was blitzschnell von A nach B muss: Vom liegen gebliebenen Couvert zum Pass der aufs Konsulat muss, bis hin zu einer Brille, die ein Gast im Restaurant vergessen hatte. Wir transportieren oft auch zeitsensible Laborproben, da sich Werte verfälschen würden, wenn die Zustellung zu lange dauert. Lustig war die Geschichte mit dem Wohnungsschlüssel: Eine Frau hatte aus Versehen ihren Sohn zu Hause eingesperrt. Als mein Kollege ihn befreite, freute sich der Junge mega darüber. Also nicht über seine Befreiung, sondern, dass er an diesem Tag so richtig zu spät zur Schule durfte.

Mir gefällt an meinem Job, dass ich den ganzen Tag draussen in meiner Stadt verbringen kann. Als Kurier gehöre ich zu den Leuten, die am schnellsten informiert sind, wenn etwas los ist. Ich spüre sofort, ob Ferienzeit ist, ob es eine neue Baustelle gibt oder ob sich ein Unfall ereignet hat. Ich bin jemand, der Bewegung braucht. Still sitzend werde ich schnell unruhig und anstrengend für meine Mitmenschen.

Vom Wetter lasse ich mich nicht einschüchtern.

Als beruflicher Velofahrer bin ich das ganze Jahr mit dem Velo unterwegs. Vom Wetter lasse ich mich nicht einschüchtern. Mein Tipp um warm zu bleiben: zügig in die Pedale treten und winddicht einpacken. Es nützt nichts, sieben Schichten zu tragen, wenn es irgendwo kalt hineinzieht. Und: Schuhüberzieher sind eine gute Investition!

Im Team fahren etwa sieben Kuriere pro Schicht. Meine Kolleginnen und Kollegen kommen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. Wir haben Studenten, Vollzeit- und Gelegenheitsfahrer. Etwa ein Anwalt, der zwei Mal pro Woche eine Schicht übernimmt, einfach weil das Velofahren seine Leidenschaft ist.

Natürlich ist nicht immer alles heiter Sonnenschein. Ab und zu musst du auf die Zähne beissen, wenn es sehr viele Aufträge gibt, wenn Sendungen noch nicht bereit stehen oder der Wind den ganzen Tag lang bläst. Vor ein paar Tagen brach mir der Velorahmen. Ich fuhr einen Randstein hinunter, hörte einen lauten Knall. Ich stieg vom Rad und sah einen riesengrossen Riss im Rahmen. Zum Glück hatte ich das so schnell bemerkt.

In der Stadt mit dem Velo unterwegs braucht es volle Aufmerksamkeit. Musik hören ist eben so gefährlich wie ohne Helm fahren. Man muss stets mit Fehlern anderer rechnen. Wir Velofahrer sind schliesslich am kürzeren Hebel, wenn es um Kollisionen mit motorisierten Verkehrsteilnehmern geht. Ich sah schon so Manches hinter dem Lenkrad: Leute, die sich rasieren oder schminken, Streitereien; alles, was man sich lieber nicht vorstellen will.

Als ich als Velokurier anfing, brachte man mir bei, auf GPS zu verzichten. Statt Google Maps nutzen wir einen gedruckten Stadtplan. Nur so lernt man die Stadt in kürzester Zeit kennen.

Mein Velo lasse ich auch mit Schloss gesichert nie länger als einen halben Tag stehen. Ich stelle es auch nie in einen Hinterhof. Da fühlen sich Velodiebe unbeobachtet und besonders willkommen.

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