Menschen
Bernhard Krauss, 58, Velokursleiter bei friends on bikes Wir verhelfen Flüchtlingen zu mehr Mobilität im Alltag. Aufgezeichnet von Vanessa Sadecky

Kostenlose Velokurse für Flüchtlinge – als ich von diesem Projekt hörte, war ich sofort begeistert! Auch ich wollte einen freiwilligen Beitrag dazu leisten, damit geflüchtete Menschen sich in ihrer neuen Heimat zurecht finden. Inzwischen organisieren die Initiatorin Kristin Hoffmann und ich jährlich 20 Kurs-Nachmittage, und dies bereits im dritten Jahr.

Friends on Bikes

Unterstützt werden wir von zahlreichen Helferinnen und Helfern. Unter dem Dach von Solinetz Zürich agieren wir als „friends on bikes“, einer Gruppe von velobegeisterten Leuten. Mit unseren Kursen ermöglichen wir Flüchtlingen mehr Mobilität im Alltag. Neue Helfende sind stets herzlich willkommen und werden von uns ins Unterrichten eingeführt.

Unser Angebot ist auf Erwachsene ausgerichtet und kennt gegen oben keine Altersbeschränkung. Das Konzept des Kurses setzt sich aus verschiedenen Übungseinheiten zusammen. Der wichtigste Aspekt ist jedoch: Jeder Velo-Neuling lernt in seinem eigenen Tempo. Das Gleichgewicht auf dem Velo wird ohne Stress und mit vielen spielerischen Elementen erlernt. Wir ermutigen die Teilnehmenden, ihr Bauchgefühl zu nutzen. Damit lernen sie auch in gefährlichen Situationen sicher zu reagieren. Mit der Zeit werden die Übungen immer anspruchsvoller, um auch in hektischen Situationen die Übersicht zu wahren. Erst wenn die Teilnehmenden sich selber fit für die Strasse fühlen, wird das Gelernte gemeinsam in verkehrsarmen Gegenden ausprobiert.

Die Begeisterung eines Veloneulings spüren

Das Schönste an meiner Arbeit als Kursleiter ist, wenn ein Veloneuling zum ersten Mal an mir vorbeifährt und jubelt: «Ich kann endlich Velofahren!» Man spürt sprichwörtlich, wie begeistert diese Person ist. Es ist kein Zufall, dass überwiegend Frauen an den Velokursen teilnehmen. Gerade sie hatten in ihrer alten Heimat oft nicht die Möglichkeit, das Velofahren zu lernen. Entweder fehlte es an der Velokultur oder den finanziellen Mitteln. Zudem ist in manchen Ländern das Velofahren für Frauen noch immer ein Tabu.

Velos von Flüchtlingen

Damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Velofahren in ihren Alltag integrieren können, geben wir ihnen Tipps, wie sie vergünstigt ein Velo kaufen oder mieten können. Denn so gut wie alle Kursteilnehmer leben von sehr wenig Geld und können den normalen Preis für ein Velo nicht aufbringen. Dank einem einfachen Velo können sie jedoch auf den Kauf von Tram-Billets verzichten und damit sind auch in ihrer Freizeit mobil. Ehemalige Kursteilnehmer planen wir als Velolehrer zu schulen, damit wir noch mehr Integrationsarbeit leisten können. Einige zeigten daran bereits Interesse.

Ein unvergessliches Weihnachtsgeschenk

An mein erstes Velo erinnere im noch sehr gut. Es war ein gelbes Rennvelo von Peugot. Ich war 16 und bekam es zu Weihnachten. Ich war so stolz. Trotz winterlicher Temperaturen war ich permanent damit unterwegs. Auch heute bin ich viel auf dem Velo anzutreffen, auch auf Reisen. Wenn ich mit meiner Frau durch eine fremde Stadt fahre, sind wir häufig auf Entdeckungstour. Auf dem Velo fühlt man sich gleich etwas heimischer. Woran das liegt? Ich komme mir wahrscheinlich weniger als Tourist vor. Es sind schöne Erinnerungen die bleiben: zum Beispiel mit dem Velo über die 5th Avenue in New York oder in Paris über die Champs-Élysées zu fahren.

Das Tourenrad ist nicht mein einziges Velo: Ich besitze ein Meo-Bici-Rennvelo, mit dem ich jedes Jahr zum Saisonauftakt durch Sizilien oder Sardinien fahre. Allerdings nicht alleine. Ich mache das inzwischen sicher seit zehn Jahren mit einer Hinterhof-Velowerkstatt-Truppe. Das sind Männer in meinem Alter und aus meinem Quartier. Auf der Tour geht es uns um wesentlich mehr, als tausende Kilometer zu strampeln. Wir geniessen das gesellige Miteinander bei guten Gesprächen und selbstverständlich das feine italienische Essen.

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