Wissen
Von Velo-Rabauken und roten Köpfen Hannes Munzinger

Manche meiden Staus und überfüllte Strassen und fahren bewusst früh los. Für Andere ist zu spät, früh genug. Deshalb sind viele regelmässig in Eile und jede Verzögerung, jede 30er-Zone, jeder Umweg scheint ungerecht und sorgt für reichlich rote Köpfe. Und im Stau, wo PS-Maximierung und Übergrösse nichts mehr nützen, sind für Viele die überholenden Velofahrer/innen das Sahnehäubchen auf der bitteren Pille. So wird der tägliche Pendlersalat aus reichlich Zutaten in einer viel zu kleinen Schüssel angerichtet und mit pikantem Dressing aus Emotionen und Alltagshektik gewürzt.

Autos sind doof

Die nonverbale Kommunikation auf vier Rädern ist vielseitig. Velofahrende kennen das dumpfe Gefühl, so eng überholt zu werden, als ob sie für die Autolenkenden gar nicht existieren. Autos rollen langsam weiter auf die Fussgänger zu, die den Zebrastreifen queren. Manche Automobilisten leiden unter Überholzwang, wenn sie ein Velo auf gleicher Fahrbahn sehen. Und Manche stellen sich in der Autokolonne demonstrativ mit zwei Rädern auf den Radstreifen. – Die Strasse gehört dem Auto, verkünden diese stummen Botschaften.

Velos sind doof

Doch auch die halsbrecherische Praxis von Velofahrenden, bei Rot über die Ampel zu fahren, ist kontraproduktiv. Sie ärgert selbst Velofahrende, die an der roten Ampel, wie dumm stehen gelassen, auf Grün warten. Zudem schadet dies dem Ruf von Velofahrenden, sich ja eh nie an Regeln zu halten. Alljährlich ab Herbst fahren wieder bedenklich viele Velos im Dunkeln ohne Licht. Weshalb so viele Velos auf dem Trottoir fahren, ist unter dem Gesichtspunkt des lückenhaften Velonetzes teilweise nachvollziehbar, aber rechtfertigt es nicht. Und viele Velofahrende scheinen stets in Eile oder flitzen durch Fussgängerzonen, als würden sie von wilden Bienenschwärmen verfolgt. Schliesslich lernt man schon als kleines Kind, alles was Räder hat, muss schnell sein.

Schuhe sind doof

Selbst Zufussgehende kommen in unserer Aufzählung nicht kritiklos davon. Wenn die Blicke auf Smartphones kleben, bewegen sich die Menschen ohne Aussenwahrnehmung im Strassenraum. Sie erschrecken sich bereits panisch ab dem Klingeln einer Veloglocke. – Der ambulante Realitätsdienst für gehende Smartphone-Anhängsel? Gewissermassen.

Wir können das deutlich besser

Einerseits können wir uns Fehler gegenseitig bis in alle Ewigkeit vorwerfen. Wo Autofahrende vielleicht ein etwas zu inniges Verhältnis zu ihrem Fahrzeug pflegen, meinen Velofahrende wiederum etwas überschwänglich, nur sie seien die Guten. Und Fussgänger sind Fussgänger mit schrumpfender Freifläche. Dennoch trifft dies alles nicht den Kern des Problems. Wo bleibt der gegenseitige Respekt? Neutral betrachtet sind wir doch gar nicht so verschieden? Die Welt ist bunt, nicht Schwarz-Weiss. Wir sind alles Menschen mit hohen Mobilitätsbedürfnissen – zwar mit vielseitiger Verkehrsmittelwahl, jedoch mit derselben Absicht: sicher anzukommen.

Mehr Achtsamkeit und Respekt und Nachsicht sind unseres Erachtens der Schlüssel zu einer spürbar besserem Zusammenleben. Geholfen ist uns allen, wenn wir unser Verhalten ändern, wie zum Beispiel:

  • besser Regeln einhalten
  • sich selber nicht zu wichtig nehmen
  • im Dunkeln immer mit Licht
  • für Kurzstrecken das Auto zuhause stehen lassen
  • nicht gleich vor Wut explodieren, falls sich jemand “dumm” verhält
  • respektive, auch mal über Fehler von Anderen hinwegsehen
  • und ergo, den Alltagsstress nicht in den Verkehr mitnehmen

Ein freundliches Grüezi bewirkt kleine Wunder.

Wir Veloförderer setzen uns aktiv ein für ein respektvolles Miteinander im Strassenverkehr. Auch wenn die Veloinfrastruktur noch lückenhaft ist und Schwachstellen aufweist: Wer sich im dichten Alltagsverkehr vorausschauend verhält, ist klar im Vorteil. Man hat die Möglichkeit zu agieren und nicht bloss zu reagieren.

Abstand halten, anderen den Vortritt gewähren, die Geschwindigkeit beim Überholvorgang reduzieren oder ein freundliches “Grüezi” bewirken zeitweise kleine Wunder. All dies kann Situationen im Strassenverkehr entspannen oder gar entschärfen.

Machen Sie mit. Es lohnt sich.

Wir wünschen Ihnen viele positive Momente mit anderen Verkehrsteilnehmenden. Gute und sichere Fahrt.

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