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Viktoria Herzog, 38, Verkehrsplanerin Veloinfrastruktur ausbauen ist von zentraler Bedeutung. Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

Manchmal witzeln wir im Büro der Veloförderung, dass es bei uns vertraglich festgelegt sei, wie viele Kilometer wir jährlich mit dem Velo zurücklegen müssen. Natürlich ist das nur Spass. Ich radle etwa 3’000 Kilometer, ganz aus freien Stücken. Allerdings denke ich, dass dies meine Argumentation im beruflichen Umfeld glaubwürdiger macht, wenn ich im Alltag mit dem Velo unterwegs bin.

Velofahren im Sommer ist fast wie Ferien.

Ich bin überzeugte e-Bike-Fahrerin, auch im Winter. Ich erlebe so die Jahreszeiten hautnah. Im Winter muss man sich etwas besser organisieren und schauen, dass man immer warme Sachen dabei hat. Aber das ist reine Gewöhnungssache. Dafür mag ich im Sommer den warmen Fahrtwind. Nach einem langen Arbeitstag aus dem Büro zu kommen und in kurzen Hosen aufs Velo zu steigen, das sind für mich Momente der Erholung, fast wie Ferien. Ich kann dann prima abschalten, verliere mich in meinen Gedanken und entdecke immer wieder Neues. Wenn ich mit dem Velo unterwegs bin, bin ich den Menschen automatisch näher. Ich mag diese Nähe.

Zuhause mit Velos

Unser «Velopark» umfasst fünf Velos: Ein normales e-Bike, ein Lasten-e-Bike, zwei leichte Rennvelos und das Kinderfahrrad unserer knapp vierjährigen Tochter Lea. Als Verkehrsplanerin und Projektleiterin Veloverkehr fahre ich fast jeden Tag von meinem Wohnort Männedorf nach Zürich. Mein Arbeitsweg misst 20 Kilometer und ich benötige dafür ungefähr 40 bis 45 Minuten. Dabei zähle ich auf die leistungsstarke Unterstützung von meinem «Stromer». Da ich mich selber tracke, konnte ich ermitteln, dass ich jeweils mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 29 km/h unterwegs bin.

Ich gestehe, dass ich eine ganz normale Alltagsvelofahrerin bin. Grundlegend habe ich keine grossen sportlichen Ambitionen. Ich schätze es sehr, wenn ich in normaler Kleidung zur Arbeit fahren kann und danach nicht verschwitzt bin. Obwohl ich mit Unterstützung fahre, merke ich, dass mir das tägliche Velofahren eine gute Grundkondition gibt, die ich nicht missen möchte. 

Unachtsamkeit am Lenkrad

Auf meinen täglichen Fahrten zur Arbeit erlebte ich schon manch heikle Situation. Zweimal hätten mich Autofahrer fast abgedrängt, die ohne zu blinken abbiegen wollten. Dank meiner Routine konnte ich jeweils schnell genug reagieren um Schlimmeres zu verhindern. Nebst dem immensen Verbesserungspotenzial, welches in der Velonetz-Infrastruktur noch schlummert, fällt mir auf, wie unachtsam viele Autofahrende sind. Als Velofahrerin sehe ich vom Radstreifen oft in die vorbeifahrenden Autos hinein und staune, was die Menschen während dem Autofahren so treiben.

Der Rückspiegel als Schminkspiegel?

Obwohl der Blick doch ausschliesslich auf den Strassenverkehr gerichtet sein sollte, gibt es Eltern, die mit Blick nach Hinten gerichtet mit ihren Kindern auf der Rückbank diskutieren. Und tatsächlich gibt es Frauen, die sich während dem Autofahren schminken, um nur zwei Beispiele zu nennen. Durch die Ablenkung driften sie hin zum Strassenrand und nehmen so den halben Radstreifen ein. Schon deshalb habe ich grosses Verständnis für Eltern, die ihren Kindern sagen, sie sollen auf dem Trottoir fahren.

Für bessere Veloinfrastruktur

Mit meinem beruflichen Background als Projektleiterin der Koordinationsstelle Veloverkehr und als Mutter setze ich mich für bessere Veloinfrastruktur und insbesondere für die Entschärfung von Verkehrsknoten ein. Manchmal bleibt mir fast das Herz stehen, wenn meine kleine Tochter mit dem Velo auf eine Kreuzung zufährt. Ich wünsche mir sehr, dass dank Verkehrsberuhigung in den Gemeinden und der Stadt das Velofahren sicherer wird.

Ich setze mich für nachhaltige Projekte ein.

Die Prozesse sind komplex und die Mühlen mahlen langsam. Dennoch gebe ich nicht auf. Vom Start eines Infrastrukturprojektes bis zur Umsetzung können schon mal acht Jahre vergehen. Das sind lange Zeitspannen, aber es lohnt sich, dran zu bleiben. Ich setze mich gern für eine gute Sache ein, beruflich wie privat. Momentan helfe ich während meiner Freizeit, ein 500-jähriges Haus in meiner Wohngemeinde als Treffpunkt mit Co-Working-Spaces umzugestalten. Zudem bin ich in Hilfsprojekten in Mosambik involviert, wo wir in partizipativen Workshops die Menschen anleiten, damit sie ihre Probleme nachhaltig lösen können. Wir zeigen ihnen mögliche Strategien auf, als «Hilfe zur Selbsthilfe».

Hartnäckigkeit beim e-Bike-Kauf

Ich habe mein e-Bike schon oft im Freundeskreis ausgeliehen, damit sich Interessierte ein Bild machen können. Es ist von Vorteil, ein e-Bike vor dem Kauf im Alltag zu testen. So findet man heraus, ob das Modell zu einem passt. Ich finde es lohnt sich, etwas hartnäckig zu sein, bis man das favorisierte Modell testen darf, welches man kaufen möchte.

Allgemein sollte der Zugang zu Test-e-Bikes viel niederschwelliger sein. Bevor wir unser erstes e-Bike gekauft hatten, konnten wir von der Aktion «bike 4 car» profitieren. Man gab dem Händler den Autoschlüssel ab und konnte für einen Monat ein e-Bike testen. Das funktionierte für uns auch ohne eigenes Auto als Mobility-Mitglieder prima. Leider gibt es diese Kampagne seit 2018 nicht mehr.

Sogar Bäume lassen sich transportieren!

Das Velo gibt mir eine unglaubliche Mobilität und Flexibilität. Mit unserem Lasten-e-Bike kann ich mühelos alle Transporte im Alltag bewältigen: Ich bringe damit meine Tochter in die Kita und fahre zum Entsorgen oder Einkaufen. Als wir umgezogen sind, haben wir sogar einen kleinen Baum im Veloanhänger transportiert. Ich bin immer wieder beeindruckt, was man mit einem Lastenvelo oder Veloanhänger alles bewerkstelligen kann. Mir gefällt dabei auch der Gedanke, dass unsere Tochter mit dem Selbstverständnis aufwächst, dass das Velo ein ebenbürtiges Transport- und Verkehrsmittel ist. Dass wir mit dem Velo überall hin fahren, ist für sie das Normalste der Welt.

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