«Es war in der Wüste von Nevada, als es klick machte. Burning Man 2011, ein jährlich stattfindendes gesellschaftliches Experiment. Mitten in einer endlosen Ebene, grelles Sonnenlicht, Staub in jeder Pore – und ich auf dem Velo! Ich weiss noch genau, wie ich zum ersten Mal über das Gelände fuhr. Ich fühlte mich frei, ungebunden und ganz im Moment. Plötzlich war dieses Gefühl wieder da, das ich als Kind kaum benennen konnte: dieses Einswerden mit einem Fortbewegungsmittel, das mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Denn früher, in der Pfadi, hatte ich das Velo einfach gebraucht, um von A nach B zu kommen. Doch hier, in dieser surrealen Wüstenstadt, spürte ich: Ich hatte etwas lange Vermisstes wiedergefunden.
Kindheit mit Pedalen
Meine ersten Velomomente sind eng mit der Pfadi verbunden. Jeden Samstag fuhr ich als Bub in Feldmeilen zehn bis fünfzehn Minuten zum Treffpunkt. Steile Schulwege machten den Drahtesel für den Alltag unattraktiv, aber fürs Pfadileben war er unverzichtbar. Dort warteten Geländespiele, Nachtaktionen und das gemeinsame Feuer im Wald. Das Velo war da lediglich das Gefährt, das mich hinbrachte – mehr nicht. Ein Vorbild im Sattel hatte ich nicht. Es war einfach da, ein praktisches Werkzeug.
Als Teenager verlor ich es ganz. Mit dem Gymi und dem Umzug in die Stadt übernahm der ÖV: Tram, Zug, Bus. Das Velo verschwand aus meinem Leben. Viele Jahre lang kümmerte es mich nicht mehr.
Wüste, Staub, Freiheit
Dann, mit 21, trat ich in eine andere Welt. Burning Man war ein Experiment und wurde zu meinem persönlichen Übergangsritual. Kurz vor dem Ereignis in der Wüste kaufte ich mir vor Ort ein günstiges Velo. Kaum sass ich darauf, fühlte ich mich leicht. Ich fuhr quer über die Ebene, liess mich treiben und fand dabei Orte, Installationen, Begegnungen. Dieses Freiheitsgefühl schob sich wie eine neue Schicht unter meine Haut. Als ich zurück in Zürich war, wusste ich: Ich brauche wieder ein Velo! Als ich endlich eins gekauft hatte, war klar: Ich werde es nicht mehr hergeben.
Therapie auf zwei Rädern
Velofahren ist für mich mehr als Bewegung. Es ist wie eine Therapie. Im Tram oder Bus fühle ich mich eingekapselt, wie in einem Lift, abgeschottet, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Auf dem Velo bin ich den Elementen ausgesetzt, aber auch den Menschen. Ich spüre die Stadt, rieche den Regen und höre den Verkehr. Diese Unmittelbarkeit erdet mich.
Nicht der Preis zählt, sondern das Gefühl, eins mit dem Rad zu sein.
Natürlich ist Zürich nicht immer friedlich. Es gibt Aggressionen im Verkehr, hupende Autos, ungeduldige Mitmenschen. Doch ich habe gelernt, mich hineinzuversetzen – vielleicht, weil ich selbst multimodal unterwegs bin. Damit meine ich: Ich fahre Velo, Auto, Töff, Lastwagen im Militär, nutze Bus und Tram, sogar e-Scooter. Ich weiss, wie es ist, wenn man im Stau steckt, wenn man in der Dunkelheit übersehen wird, und wie verletzlich man auf dem Velo selbst ist. Diese Perspektiven machen mich vorsichtig – und dankbar.
Einfache Velos, grosse Gefühle
Ich fahre einfache Stadtvelos, Occasionen von einer Secondhand-Plattform, für hundert oder höchstens zweihundert Franken – mehr gebe ich nicht aus! Einmal wurde mir so ein Occasionvelo am Hauptbahnhof geklaut. Dieser Verlust hat mir gezeigt, wie sehr man auch an einem alten, klapprigen Velo hängen kann. Es war mein Gefährt und Gefährte! Ich hatte gut zu ihm geschaut – und plötzlich war es weg. Traurig, ja, aber auch ein Moment, der Erkenntnis: Nicht der Preis zählt, sondern das Gefühl, eins mit dem Rad zu sein.
Meine besten Momente auf dem Bike sind jene im Flow. Wenn ich mich vorausschauend durch den Verkehr bewege wie durch einen strömenden Fluss, habe ich alles im Blick und bin im Einklang mit dem Rhythmus der Stadt. Es erinnert mich ans Skifahren: Geschwindigkeit, Balance, völlige Präsenz. Aber auch die stillen Fahrten am Morgen, wenn die Stadt noch schläft, oder abends am Fluss entlang, gehören zu diesen Glücksmomenten. Dann zählt nicht Tempo, sondern Entspanntheit. Das ergibt ein Gefühl von Frieden.
Selbstgebasteltes Velomikrofon
Berufsbedingt und aus Zeitgründen nehme ich manchmal auf dem Velo an einer Geschäftssitzung teil oder rufe Lieferanten an. Weil unser Startup Circleg, mit dem wir günstige und innovative Beinprothesen produzieren, auch in Afrika einen Vertriebssitz hat. Da sollte ich möglichst gut erreichbar sein. Natürlich nutze ich es auch für private Gespräche. Aber diese Telefonate, bei denen ich nicht einfach nur zuhören wollte, sondern mich aktiv beteiligen, funktionierten selten gut auf dem Velo: Man hört schlecht, ist schlecht zu verstehen, die Verbindung wird unterbrochen etc. Und weil ich gerne tüftle, habe ich mir inzwischen ein eigenes Velomikrofon gebaut: eine simple Eigenkonstruktion mit viel Schaumstoff. Nach einigen Versuchen funktioniert’s nun.

Jetzt kann ich sogar mit meiner Freundin in Sydney telefonieren, während ich vom Schaffhauserplatz runter zum Limmatplatz rolle. Augen und Aufmerksamkeit auf den Verkehr gerichtet, völlig klar, und gleichzeitig meine Liebste im Ohr – das klappt erstaunlich gut. Für uns beide bedeutet es Nähe, auch wenn wir geografisch weit auseinanderliegen.
In Sydney selbst habe ich sie schliesslich fürs Velo begeistert. Anfangs wollte sie nichts davon wissen, sie ging lieber zu Fuss oder dann mit dem Auto. Doch als wir gemeinsam ein Velo kauften, merkte sie schnell, wie anders ein Tag beginnt, wenn man in die Pedale tritt. Heute sind unsere gemeinsamen Ausfahrten ein fixer Bestandteil jeder Reise.
Grenzen und Möglichkeiten
Nicht überall fühle ich mich so frei. In Nairobi oder anderen ostafrikanischen Städten, wo wir mit unserem Startup aktiv sind, bleibt das Velo für mich tabu – zu gefährlich, zu chaotisch. Aber wenn ich dort doch mal einen Radfahrer sehe, dann zolle ich ihm meinen Respekt. Ein Daumen hoch, ein Lächeln. Denn es braucht Mut, dort aufs Rad zu steigen…
Auch in meinem beruflichen Umfeld gab es berührende Velomomente: Einer unserer sogenannten Amputee-Botschafter in Uganda stieg von sich aus aufs Velo – mit seiner Prothese, notabene! Er schickte uns Fotos davon, das hat mich echt berührt! Später nahm er sogar an einem Sponsorenlauf teil. Für ihn bedeutete es: Wieder teilhaben können am Alltag, wieder mehr räumliche Freiheit. Für mich war es ein Moment tiefer Freude.
Blick nach vorne
Heute bin ich fast täglich im Sattel, fünf bis sechs Stunden pro Woche, im Sommer deutlich mehr. Im Winter gönne ich mir ab und zu den Bus, wenn Schnee oder Eis die Strassen zu gefährlich machen. Aber grundsätzlich gehört das Velo zu mir: Es ist für mich kein Lifestyle-Accessoire, sondern ein Stück gelebtes Leben. Es schenkt mir Freiheit, Klarheit und Energie. Und genau deshalb bleibe ich ihm treu – ganz egal, ob es hundert oder tausend Franken kostet.»






