Home Beiträge online Lifestyle Velofahren bedeutet für Sabine Holzapfel Freiheit – selbst nach ihrem Sturz

Velofahren bedeutet für Sabine Holzapfel Freiheit – selbst nach ihrem Sturz

Ein Sturz am Limmatquai veränderte alles. Doch genau dort fand Sabine Holzapfel ihren Mut zurück.

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Manchmal fahre ich am Limmatquai entlang, vorbei an den Touristen, die mit gezückten Handys den Zürcher Sehenswürdigkeiten hinterherknipsen. Und ich denke: Hier habe ich mal gelegen. Also nicht entspannt im Gras, sondern nach einem steilen Abflug mit dem e-Bike – Tramschienen, Regen, ein voller Kopf. Das war mein schwerster Sturz. Gehirnerschütterung, Schlüsselbeinbruch und dann der Gedanke: Fahr’ ich hier jemals wieder durch? Heute weiss ich, genau hier muss ich durch. Ganz nach meinem Lebensmotto: Wo die Angst ist, geht’s lang. Und auf zwei Rädern hat das eine ganz besondere Bedeutung. Velofahren bedeutet mir Freiheit.

Von Nordhessen nach Urdorf

Ich bin in einem kleinen Dorf in Nordhessen zwischen Kassel und Frankfurt aufgewachsen. Kein Veloparadies, also immer zu Fuss zur Schule, als ich noch klein war. Und Ausflüge waren selten. Das erste eigene Rad war ein altes Damenvelo, hellblau überpinselt mit weissen Kringeln. Damit fuhr ich als Teenager sechs Kilometer zur Schule in die Kleinstadt und zurück. Immer mit Gegenwind, erstaunlicherweise in beiden Richtungen! Vielleicht war das meine erste Lektion in Ausdauer.

Heute lebe ich in Urdorf, gleich bei Zürich. Mein Arbeitsweg führt mich oft entlang der Limmat oder quer durch die Stadt zum Kinderspital am Balgrist. Das sind 16 Kilometer pro Weg – 45 Minuten frische Luft, zweimal am Tag. Für viele unvorstellbar. Meine Kollegen schauen mich manchmal mit grossen Augen an. Was, jeden Tag mit dem Velo quer durch ganz Zürich und wieder zurück?! Aber ich kenne die Strecke, kenne die kritischen Stellen, weiss inzwischen sehr genau, wo Gullideckel und Tramschienen lauern.

Vier Velos für alle Fälle

Mein Velopark hat vier Schmuckstücke: Das e-Bike ist mein Transportmittel, mit dem ich seit 2017 fast täglich pendle. Das Trekkingbike trägt den Übernamen «Meditationsmittel». Es ist perfekt für gemütliche Touren, bei denen ich lerne, dass Langsamkeit eine eigene Schönheit hat. Dann mein Sportmittel, mein erster, über zwanzig jähriger Renner – etwas schwerfällig, aber treu wie ein alter Freund. Und schliesslich meine Rennmaschine, ein neues Rennvelo erster Güte. Diesem verpasste ich den bretonischen Namen Gwenn ha du. Das bedeutet schwarz-weiss und ist der Name der bretonischen Flagge.

Das Rennvelo ist mit seinen sieben Kilo nicht viel schwerer als eine Flagge. Dennoch würde ich mein Gwenn ha du niemals irgendwo in Zürich abstellen. Zu gross die Gefahr, dass sie weg ist, bevor ich meinen Espresso ausgetrunken habe. Dann steige ich lieber in den Sattel meines alten Renners, wenn wieder einmal die Aktion Bike to Work läuft.

Zürcher Slalom

Wer Zürich mit dem Velo kennt, weiss, es ist ein Slalom zwischen Baustellen, Taxis, hupenden Autos und Mitradlerinnen und -radlern, die die Verkehrsregeln eher als Empfehlung betrachten. Rund um den Hauptbahnhof wird’s besonders eng. Ich umfahre den Escher-Wyss-Platz meist grossräumig. Lieber ein paar Meter mehr fahren als plötzlich exponiert im Weg stehen. Meine schönste Strecke ist ganz klar vom Limmatquai am Bellevue vorbei, dem See entlang bis zur Höschgasse. Dann hoch zum Botanischen Garten und weiter bis zum Kinderspital. Da riecht es im Sommer wunderbar nach Lindenblüten, und manchmal vergisst man fast, dass man in der Stadt ist.

Vom Fernweh zum Flow

Meine eigentliche Leidenschaft fürs Velo begann spät in den Neunzigern. Damals war ich mit einer Freundin auf Weltreise. Auf Bali fuhren wir mit klapprigen Mieträdern quer über die Insel nach Ubud. Wir unterschätzten völlig die Strecke und die Hitze, hatten zu wenig Wasser dabei und dafür am Ende einen Sonnenstich. Unsere Reise führte uns weiter nach Australien und Neuseeland. Dort kaufte ich ein gebrauchtes Velo und pedalte mit Sack und Pack und Zelt allein über die Südinsel. Kaum fit, ständig bergauf, aber mit Begegnungen, die unvergesslich bleiben.

Heute suche ich das Abenteuer näher. Zum Beispiel bei einer Umrundung des Zugersees ab Urdorf, genau 100 Kilometer oder der bei einer Runde zum Türlersee. Vor kurzem konnte ich noch einen weiteren Punkt von meiner Bucket List streichen: das Stilfser Joch, 2’757 Meter hoch, 1’800 Höhenmeter mit 48 Kurven. Da geht’s nicht um ein Rennen, sondern um die Erfahrung. Frühmorgens wird gestartet, langsam aber stetig hoch, Umdrehung für Umdrehung, in viereinhalb Stunden bis ganz oben. Ein grandioses Gefühl, auch diesen Pass nur mit Muskelmasse und einem Biobike beradelt zu haben.

Wo die Angst ist, geht’s lang – besonders auf zwei Rädern

Nur mit Helm

Nach meinem Sturz am Limmatquai hatte ich Angst. Aber ich wusste, wenn ich dieser Angst nachgebe und das Limmatquai mit seinen Tramschienen meide, wird sie bleiben. Also fuhr ich wieder und wieder dieselbe Strecke über dieselben Schienen. Helm auf, Blick nach vorn. Es war eine Art Selbsttherapie. Und jedes Mal, wenn ich jetzt dort vorbeikomme, weiss ich, hier habe ich meine Angst. Mein Trauma ist überwunden.

Wo die Angst ist, geht’s lang. Das bedeutet für mich nicht Mut ohne Risiko, sondern, ich entscheide mich bewusst dafür, die Herausforderung anzunehmen. Im Verkehr heisst das, achtsam sein, vorausschauend fahren, miteinander, nicht gegeneinander.

Warum ich Velo fahre

Ich fahre nicht primär, um fit zu sein. Ich fahre, weil ich draussen sein will – die Limmat neben mir, der See glitzert, die Spatzen trällern; weil ich gern an der S-Bahn vorbeiziehe, während drinnen die Leute eng an eng sitzen; weil es Momente gibt, in denen das Treten so leicht wird, dass es fast wie Fliegen ist. Und weil ich glaube: Auf dem Velo siehst du die Welt anders. Langsam genug, um Details zu bemerken, schnell genug, um voranzukommen.»

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