Lifestyle
Susann Tweitmann, 59 , Fotografin & Doula

Ich freue mich darauf, mit meinen Enkeln unvergessliche Veloabenteuer zu erleben.

Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

An mein erstes Velo erinnere ich mich noch, als ob es gestern gewesen wäre. 50 Meter von meinem Elternhaus entfernt stand ein Bauernhaus. Dort habe ich eines Tages einen echten Schatz entdeckt, ein altes Velo, oben auf dem Scheunenboden. Es war ganz verstaubt und voller Spinnweben. Damals war ich ungefähr neun Jahre alt. Ich fragte den Bauern, ob ich es haben darf und er war einverstanden. Dieses Velo habe ich dann geputzt und liebevoll gehegt und gepflegt. Zu dieser Zeit war es nicht selbstverständlich, dass man als Kind so ein Velo bekam.

Seither gab es für eine längere Zeit eine Velopause. Ich habe vier Kinder und wir wohnen am Berg. Dies machte das Velofahren etwas beschwerlich. Ab etwa vierzig wurde das Velofahren wieder aktuell. Damals konnte ich ein E-Bike von meinem Schwager probefahren. Das hat mich total begeistert und ich schaffte mir ein schnelles Pedelec an.

Viel Bewegung im Alltag dank kombiniertem Pendeln

Ich bin ein absoluter Bewegungsmensch. Es käme mir aber nie in den Sinn, in ein Fitnesscenter zu gehen oder für Sport extra Zeit aufzuwenden. Gerade deshalb habe ich versucht, Bewegung in meinen Alltag zu integrieren. Mit dem Velofahren und später mit dem Pendeln zur Arbeit habe ich die ideale Kombination gefunden.

Zugegeben, ich bin eine Schönwetterfahrerin und pendle mit dem Velo von Frühling bis Herbst zur Arbeit. Im Winter und Dunkelheit fahre ich nicht gerne. Davor habe ich zu viel Respekt. Ich wohne in Wädenswil und arbeite in Dietlikon als Fotografin. Ich fahre von meinem Zuhause zum Schiffssteg und nehme dann das Querfahrtenschiff entweder nach Männedorf oder nach Stäfa. Von dort geht es dann über den Pfannenstiel, dem Greifensee entlang bis nach Dietlikon. Das ist eine perfekte Mischung von ÖV und Pendeln mit dem E-Bike. Auf meinem Arbeitsweg lege ich ca. 25 Kilometer zurück. Dafür benötige ich rund 75 Minuten. Mit den ÖV hätte ich genau gleich lang. Deshalb war für mich sofort klar, dass das Velo mein bevorzugtes Transportmittel ist.

Das Schöne am Velofahren ist, dass man ganz nah dran ist, aber trotzdem in relativ kurzer Zeit eine beachtliche Strecke zurücklegen kann.

Zeit für Einkehr und Naturgenuss

Mein Arbeitsweg ist wunderschön. Ich fahre eigentlich nie auf Hauptstrassen. Mein Weg führt mich dem ganzen Greifensee entlang. Diese Gegend ist gut ausgestattet mit Velowegen.

Ein wichtiger Bestandteil meines Lebens ist mein Glaube. Ich finde viel Kraft darin. Beim Velofahren bin ich sehr fokussiert. Strecken, die übersichtlich sind, nutze ich auch gerne mal zum Beten und für Zwiegespräche. Velofahren ist für mich ein ganzheitliches Sinneserlebnis: Ich sehe und rieche die Natur, besonders im Frühling, wenn alles so wunderbar blüht. Ich fühle auch die Witterung: Wind, Wetter, Sonne, Kälte nehme ich ganz bewusst wahr. Das Schöne am Velofahren ist, dass man ganz nah dran ist. Trotzdem kann man in relativ kurzer Zeit eine beachtliche Strecke zurücklegen, also ist immer noch genug schnell.

Bei mir steht der Umweltaspekt nicht unbedingt im Vordergrund. Das ist ein angenehmer Nebeneffekt. Meine Motivation ist es, das Praktische und den Sport zusammenzubringen. Velofahren ist unglaublich praktisch und bedeutet für mich auch Freiheit.

Veloferien – Gegenden erkunden leicht gemacht

Mein Mann und ich reisten in der ersten Sommerferienwoche mit Anhänger, Velo und Zelt quer durch die Schweiz, als unsere Kinder gross genug waren, um in Ferienlager zu gehen. Da waren unbeschreiblich schöne Velomomente und Erlebnisse dabei. Heute besitzen wir ein Camper-Büssli. Wir reisen damit in den Ferien, wohin uns der Wind trägt, in den Jura, ins Elsass – und unsere Velos sind stets mit dabei.

Geht man mit dem Velo vom Campingplatz aus auf Erkundungstour, lernt man die neue Umgebung richtig gut kennen und kommt an Orte, wo man mit dem Auto nie hingelangen würde. Ein still gehegter Wunsch von mir wäre es, einmal für ein paar Monate mit dem Velo unterwegs zu sein, beispielsweise nach Süditalien. Aber ich werde auch nicht jünger. Vielleicht bleibt es ein Traum.

Auch meine Tochter konnte ich mit meiner Leidenschaft fürs Velofahren anstecken. Sie wohnt in Bern und fährt regelmässig mit dem Velo von Bern Bollingen nach Thun zur Arbeit.

Kombi ÖV – E-Bike müsste attraktiver werden

Für das Pendeln in Kombination mit den ÖV muss ich den halben Preis eines Personentickets für das Velo bezahlen. Das müsste sich ändern, wenn die Velomitnahme im ÖV attraktiver werden soll!

Es gibt immer noch viele Strecken, die man sich als E-Bike-Fahrerin mit den Autos teilen muss. Das hat sicher noch Verbesserungspotenzial. In meinen Augen sind E-Bike-Fahrer:innen eine Spezies für sich und dieser sollte man Rechnung tragen, vor allem nimmt der Anteil E-Bike-Fahrender am Verkehrsanteil ständig zu, ich frage mich, wie man dem begegnen will? Ich finde, man sollte das besser trennen können.

Jedenfalls ist mit dem E-Bike vieles möglich geworden, das vorher nicht ging. Strecken, die man sonst mit dem Auto zurückgelegt hätte, können jetzt problemlos mit dem E-Bike bewältigt werden. Das ist ein grosser Fortschritt.

Familienglück

Mein grösstes Glück ist meine Familie. Ich bin ein totaler Beziehungsmensch. Ich möchte den Menschen helfen und ihnen etwas Gutes tun, besonders den Frauen. Vor kurzem habe ich deshalb die Ausbildung zur Doula abgeschlossen. Neben der Fotografie ist das jetzt mein zweites Standbein. Als Doula zu arbeiten, ist eine wichtige und schöne Tätigkeit, die ich auch noch weit über das Pensionsalter hinaus ausüben möchte.

Wenn ein Doula-Termin ganz in meiner Nähe ist, besuche ich die werdende Mutter auch mal mit dem Velo. Zur Geburt rücke ich dann aber doch mit dem Auto aus, weil das auch mitten in der Nacht der Fall sein kann.

Ich bin bereits Grossmutter von einem Enkelkind und ein weiters ist unterwegs. Ganz besonders freue ich mich, dass ich bald einen Anhänger kaufen kann, um in Zukunft auch mit den Enkeln unvergessliche Veloabenteuer zu erleben!

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