Wissen
Sicher ist sicher.
– D'accord?
Aufgezeichnet von Hannes Munzinger

Frühling 2020. Auch in der kantonalen Veloförderung ist das Corona-Thema omnipresent. Wie viele Andere arbeiten auch wir zuhause und radeln ab und an ins Büro nach Zürich. Digitalisierung erleichtert das Arbeiten im Home Office. Was wir Veloförderer bedauern, sind die vielen Absagen unserer Velo-Exkursionen und Veranstaltungen, an welchen wir mit Ihnen hätten in Dialog treten können. So fehlt uns das Urban-Bike-Festival oder das traditionelle “Rund um de Zürisee”. Selbst die Bike To Work Challenge wird in den Herbst verschoben, obwohl es keine Einschränkungen fürs Velofahren gibt.

Allerdings brachte der Lockdown fürs Velo durchaus positive Veränderungen. Verkehrten auf einmal deutlich weniger PKWs auf Zürcher Strassen, gab es einen deutlichen Zuwachs von gefahrenen Velokilometern. Dieser deutliche Zuwachs freut uns sehr. Das Velo ist die effizienteste Lösung, kleinere und grössere Alltagsstrecken bis ca. 20 km ohne drohende Ansteckungsgefahr zu meistern.

Jedoch wo Licht ist, ist auch Schatten. Uns wurden markant mehr Velounfälle zugetragen. Dieser Zuwachs macht uns betroffen, ob mit oder ohne Velo-Beteiligung. Schlussendlich ist jeder Verkehrsunfall einer zu viel und hätte oftmals von vornherein verhindert werden können. Uns ist es ein zentrales Anliegen, dass alle wohlbehalten und sicher am Zielort eintreffen. Ob sie bereits jetzt vermehrt Velo fahren oder sie es erst in Erwägung ziehen, weil sie den öffentlichen Verkehr aufgrund einer allfälligen Ansteckung mit dem Corona-Virus meiden möchten.

Mit diesem Beitrag möchten wir auf verschiedene Unfallursachen aufmerksam machen. Einzelne liegen auf der Hand, andere sind jedoch nicht so offensichtlich.

Fahrtüchtiges Velo 

Die Fahrtüchtigkeit des Velos ist zentral. Ist die Gummierung der Reifen und der Luftdruck in Ordnung? Sitzt der Lenker und der Sattel fest? Sind die Radmuttern festgezogen? Geht das Licht? Taugen die Bremsen? Diese Checkliste klingt trivial, doch aus Erfahrung lohnt sich die regelmässige Kontrolle. Niemand wünscht sich das langgezogene «Aaaaaaaa» bremsenlos durch finstere Nacht ohne Licht mit einem Platten und wabbeligem Lenker, den Hügel hinab donnernd. Einverstanden?

Anspannung und Stress in der Mobilität

Die letzten Wochen waren wegen dem Lockdown für die meisten von uns anspruchsvoll und beklemmend. Wenn der ganze Druck und Stress in die Alltagsmobilität einfliesst oder aber eine fluchtartig schnelle Fahrt als Ventil zum Ausgleich genutzt wird, kann dies zu bösen Unfällen führen.

Velo-Fahrkompetenz

Zweifelsfrei kommt man mit dem Velo oder e-Bike zügig voran. Je nach Fahrpraxis ist man jedoch nicht allzu fit mit dem Velo. Ein schwieriges Fahrmanöver aus einer unerwarteten Situation heraus kann einem dann schnell zu Fall bringen. Wappnen Sie sich. Üben Sie mindestens schnelles Bremsen und Ausweichen abseits der Strasse. Es lohnt sich. Eine Anleitung gibt es am Schluss des Artikels.

Fahrpraxis aufbauen

Wer mag, kann sich auch spielerisch Fahrpraxis aneignen. Wer schafft beispielsweise die hohe Kunst, auf Kies zu bremsen, ohne dass die Räder blockieren? Fingerspitzengefühl ist da gefragt! Und wer einem rollenden Ball ausweichen kann, der kann auch besser ausweichen, wenn sich in der Dooring Zone eine Wagentür öffnet. Seien Sie kreativ! Selbst Schneckenpost-Rennen eignen sich zum Üben und machen riesig Spass. Wer mit dem Velo eine Strecke am langsamsten schafft, ohne mit den Füssen den Boden zu berühren, gewinnt. Mit Spiel und Spass das Gleichgewicht trainieren …

Übrigens enthält unsere Übungsanleitung weitere Geschicklichkeitsübungen, die mit minimalem Aufwand und der ganzen Familie ausprobiert werden können.

Sonnenlicht und Schatten

So herrlich sich derzeit das Frühlingswetter präsentiert, birgt die Sonne auch die Gefahr zu blenden. Wir alle kennen die Situation, dass die Sicht Fahrtrichtung Sonne stark eingeschränkt sein kann. Gute, selbsttönende Sonnen- oder Velobrillen funktionieren insbesondere auch dann, wenn man aus dem hellen Licht in einen schattigen Waldabschnitt fährt.

Angepasst mit dem schnellen e-Bike

Schnelle Geschwindigkeiten führen beim Aufprall zu schwereren Verletzungen. Ist daher Speed-Pedelec fahren besonders gefährlich? Nein. Der Bremsweg verlängert sich Masse mal Geschwindigkeit im Quadrat. Da ist eine Potenz drin und gilt für alle Verkehrsmittel. Aber selbst mit einem schnellen e-Bike kann man problemlos sicher und angepasst fahren. Auf offener und übersichtlicher Strecke verkürzt das S-Pedelec die Reisezeit. Aber bitte vorausschauend und aufmerksam, mit den physikalischen Gesetzen im Fokus ist 10 km/h langsamer unterwegs in manchen Fällen durchaus schneller. Der Tipp von weiter oben gilt auch hier: Üben Sie unbedingt Vollbremsungen und schnelles Ausweichen. Sie werden schnell erkennen, dass dies vor allem bei höheren Geschwindigkeiten recht anspruchsvoll ist.

Mangelnde Veloinfrastruktur und mangelnder Unterhalt

Auch das Fehlen einer bedarfsgerechten Veloinfrastruktur führt dazu, dass sich Selbstunfälle ereignen. Die Veloinfrastrukur im Kanton Zürich weist vielerorts Schwachstellen auf und wird somit den Anforderungen der Velofahrenden Bevölkerung bei weitem nicht gerecht. Aus eigener Erfahrung nur einige der Gefahren, die zu kritischen Situationen führen können: Keine durchgehende und wenig intuitiv nutzbare Infrastruktur, enge Kurvenradien, Engstellen, Mischzonen für Velo- und Fussverkehr, wucherndes Grünzeug, dass die Sicht einschränkt, Schlaglöcher, Abfall oder Scherben auf dem Velostreifen, provisorische Verkehrsschilder in der Velospur bis hin zu Tramschienen oder Randsteinen, die selbst geübte Velofahrende aus dem Gleichgewicht bringen.

Miteinander statt gegeneinander

Die Welt ist glücklicherweise bunt, nicht schwarz-weiss. Wir sind Menschen mit hohen Mobilitätsbedürfnissen – einerseits mit vielseitiger Verkehrsmittelwahl und andererseits mit derselben Absicht, sicher anzukommen. Gegenseitiger Respekt, Achtsamkeit und Nachsicht sind unseres Erachtens die Schlüssel zu einer spürbar besseren Gesellschaft. Geholfen ist uns allen, wenn wir unser Verhalten ändern, wie zum Beispiel:

  • korrektes Verhalten (sich besser an Regeln halten)
  • die Aufmerksamkeit stets in Fahrtrichtung halten
  • sich selber nicht zu wichtig nehmen
  • für kurze Strecken das Auto zuhause lassen
  • nicht gleich vor Wut explodieren, falls sich jemand “dumm” verhält
  • respektive, auch einmal über Fehler von Anderen hinwegsehen
  • und ergo, den Alltagsstress nicht in den Verkehr mitnehmen

Die kantonale Veloförderung setzt sich ein für ein respektvolles Miteinander im Strassenverkehr. Den Lücken und Schwachstellen der Veloinfrastruktur zu trotz: Wer sich im dichten Alltagsverkehr vorausschauend verhält, kommt mit dem Velo gut voran. Geben Sie sich und Anderen die Chance zu agieren und nicht bloss zu reagieren.

Abstand halten, Blickkontakt mit anderen Verkehrsteilnehmer suchen, die Geschwindigkeit vorausschauend anpassen, ein freundliches “Grüezi” oder ein Lächeln bewirken zeitweise kleine Wunder. All dies kann Situationen im Strassenverkehr entspannen oder gar entschärfen. Machen Sie mit! Sammeln Sie mit uns positive Erfahrungen im Strassenverkehr. Es lohnt sich.

Fahrtipp Vollbremsung

Mit angepasster Fahrweise kann man Vollbremsungen vermeiden. Doch die Bremstechnik zu beherrschen, schadet kaum.

Vorbereitung: Bitte Helm aufsetzen. Stehen Sie beim Velofahren auf die Pedale und halten Sie diese waagerecht. Wie fühlen Sie sich sicherer? Rechter oder linker Fuss vorne? Wenn Sie den Ball mit rechts spielen, ist es sehr wahrscheinlich der linke Fuss. Diese Position ist ihre Grundposition.

Richtige Haltung: Für eine Vollbremsung steht man auf die Pedale und verlagert sein Körpergewicht so weit wie möglich nach hinten. Das erhöht den Druck auf das Hinterrad und verhindert, dass man über den Lenker fliegt. Die Arme sind fast durchgestreckt, so, dass man einen Aufprall noch abfedern könnte. Mit voll durchgestreckten Armen knallt es in den Schultern und an Daumen und Handgelenk.

Richtig bremsen: Tasten Sie sich schrittweise an die Vollbremsung heran. Gerät das Velo ins Schlingern, lassen sie beide Bremsen kurz los. Bei Scheibenbremsen lohnt es sich, den Druckpunkt zu spüren, wo das Vorderrad bremst, jedoch gerade noch nicht blockiert.

Fahrtipp Ausweichen

So seltsam es klingt. Wollen Sie schnell ausweichen, drückt man den Lenker kurz in Gegenrichtung, um das Velo in die richtige Schräglage zu versetzen. Falls Sie diese Übung zu schnell angehen, kann sie übrigens schnell zum Sturz führen. Also auch hier bitte Schrittweise herantasten und nur mit Helm, Velo-Handschuhen und wenn Sie haben z.B. mit Skater-Protektoren.

Nach links ausweichen: Fahren Sie gerade aus. Drücken Sie den Lenker mit der Linken Hand kurz nach vorne. Das Velo schlägt nach rechts aus und neigt sich sofort nach Links und leitet so die Linkskurve ein. Fahren Sie rasch wieder in die Ausgangsrichtung. Auf der Strasse würden Sie sonst in die Gegenfahrbahn lenken. Tasten Sie sich langsam an höhere Geschwindigkeiten und grössere Hindernisse. Wenn Sie den Dreh raus haben, können Sie auch nach rechts ausweichen üben. Dabei erfolgt der Druck mit der rechten Hand nach vorne.

Gute Fahrt Ihnen allen, egal womit Sie heute unterwegs sind und bleiben Sie achtsam und gesund.

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