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Severin Rupp, 42, Bankangestellter Früher kam der Banker mit dem Sportwagen. Ich komme mit dem Damenvelo. Aufgezeichnet von Christian Nill

Eigentlich trainiere ich heute viel zu wenig. Das liegt auch daran, dass ich Familie habe mit zwei kleineren Kindern. Da verschieben sich die Prioritäten. Ich fahre zwar täglich mit dem Velo zur Arbeit. Aber wenn ich an früher denke. – So richtig los ging es 1999. Damals kaufte ich mit meinem ersten selbst verdienten Geld ein richtiges Velo. Ein Mountainbike, kurz MTB. Gemeinsam mit meiner Schwester nahm ich an MTB-Rennen teil. Unser grösster Erfolg gelang uns im Jahr 2006 beim Cape-Epic in Südafrika. Es gilt als härtestes Langstrecken-Etappenrennen der Welt und wurde auch schon als Tour de France für Mountainbikes bezeichnet.

Wie der Vater …

Meine Schwester Dolores und ich fuhren damals auf den ersten Platz! Unser Vorteil: Wir waren beide in Sachen Ausdauer unschlagbar. Das kam uns bei der Königsetappe zugute. Diese ging über 146 Kilometer und 3’000 Höhenmeter. Unsere Taktik war, bei dieser schwierigsten Etappe voll anzugreifen. Trotz eines heftigen Sturzes von mir, gelang es uns. Der Grund für unserer Ausdauer liegt in unserer Familie. Unser Papi wuchs im Bergdorf Valens auf. Jeden Tag legte er einen Schulweg von zehn Kilometern hin und zurück mit über 300 Höhenmeter zurück.

… so der Sohn

Dazu kam, dass er nachmittags immer seinem Vater den Znacht auf die Alp bringen musste. Das waren noch einmal zusätzlich 600 Höhenmeter. Er hatte die Ausdauer also quasi im Blut. Noch heute ist er der Rekordhalter im 100-Kilometerlauf. Später gründete er in Langnau am Albis einen polysportiven Sportclub und steckte mich sehr früh mit seiner Sportleidenschaft an. Zu meiner grossen Passion, dem Velofahren, kam ich allerdings erst über den Umweg des Langlaufsports. Ich war als junger Sportler in der Langlauf-Nationalmannschaft. Als Zürcher! Aber damals gab es halt auf dem Albis noch Schnee im Winter und eine Langlaufloipe.

Der Kopf entscheidet

In der Nationalmannschaft erhielten wir ein Mountainbike, um auch im Sommer ein Trainingsgerät zu haben. Mit der Zeit löste das Zweirad die Langlauf-Skier ab. Bei meinen zahlreichen Velorennen habe ich viel über mich gelernt. Denn nach fünf Stunden im Sattel tut einfach alles nur noch weh. Also entscheidet der Kopf. Da hilft eine Struktur – und Tricks, wie man sich beispielsweise mental auf die Herausforderungen eines Ausdauerrennens einstellen kann. Meine Taktik war, dass ich mir meine Rennen in Albisse einteilte.

Der Sihlwald und der Albis waren in meiner Jugend – und sind es heute wieder – meine naheliegendste Trainingsgebiete. Ich benötigte rund zehn bis zwölf Minuten, um einmal auf den Albis hochzufahren. Also machte ich während eines Rennens aus 3’000 Höhenmetern einfach die entsprechende Anzahl Albisse. Das funktionierte: Nicht ans Ziel denken! Nur an Albis-Einheiten.

Ebenfalls enorm wichtig war es, einen fixen Ablauf während eines Velorennens zu haben. Meiner sah so aus: alle 15 Minuten etwas trinken, alle 60 Minuten etwas essen. Egal, ob ich Hunger hatte oder nicht. Heute fehlt mir die Zeit für Rennen. Dafür habe ich grosse Freude, dass ich nun mit meinem vierjährigen Sohn das Velofahren üben kann. Seine doppelt so alte Schwester beherrscht es schon länger.

Ständig diese Velodiebe

In meinem Fuhrpark stehen einige Velos: ein Crossbike, zwei Enduro-Mountainbikes, ein Cross-Country-Racebike, zwei Rennvelos für die Strasse. Es dürften an die acht Fahrräder sein, die über die letzten 10 Jahre zusammengekommen sind. Normalerweise gebe ich durchschnittlich zwischen 6’000 bis 10’000 Franken für ein Velo aus. Ausser für jenes, mit dem ich zur Arbeit fahre. Das ist ein älteres Damenvelo, welches ich Occasion für 300 Stutz kaufte. Aber es hat immerhin einen Riemenantrieb und acht Gänge.

Ich hatte schlicht genug davon, dass mir in Zürich ständig mein Arbeitsvelo geklaut wurde. Fünf waren es in den letzten fünf Jahren! Der Dieb kam jeweils nachts mit einer Elektro-Pressschere – einmal sogar in den Keller, und weg war es. Da war ich irgendwann nicht mehr bereit, 1’000 Franken dafür auszugeben. Das ist ja viel Geld.

Mit Anzug und Krawatte, ganz wie es sich für einen Banker gehört.

Also entschied ich, mir ein «hässliches» Velo zu kaufen. Nun fahre ich täglich auf meinem Damenvelo ins Büro. Mit Anzug und Krawatte, ganz wie es sich für einen Banker gehört. Natürlich mache ich damit auch Kundenbesuche. Das ist ein guter Eisbrecher, wenn sie mich auf meinem Damenvelo sehen. Ich sage jeweils: seht Ihr? Mit so wenig, wie Ihr mir bezahlt, reicht es gerade mal knapp für ein Damenvelo!

Früher war das Klischee, dass der Banker im Sportwagen vorfährt, heute komme ich mit dem Damenvelo. Auch Kunden von mir fahren heute mit dem Velo ins Büro.

Dichter Verkehr

Was mir auffällt, wenn ich tagtäglich in der City auf meinen zwei Rädern zur Arbeit fahre: Der Verkehr hat sich vermutlich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Im Sommer ist das Verkehrsaufkommen enorm. Die e-Bikes, die heute in der City unterwegs sind, sind richtige Geschosse. Die kommen mit bis zu 45 Stundenkilometern angebraust. Daher finde ich es schon richtig, dass sich die Stadt überlegt, ob schnelle e-Bikes vielleicht doch eher auf die Strasse gehören und nicht auf die Velowege. Einmal, als ich auf dem Velo fuhr, hat mich ein e-Bike mit dem Lenker touchiert. Ich konnte nur knapp einen Sturz verhindern.

Grundsätzlich ist es meine Philosophie im Verkehr, dass zuerst ich mich korrekt verhalten muss, bevor ich es von anderen erwarte. Das bedeutet: Ich muss die Geschwindigkeit anpassen, und ich muss rücksichtsvoll fahren. Ich finde allerdings auch, dass gewisse Verkehrsstrecken kanalisiert werden müssten. Man muss Korridore schaffen, den Verkehr entflechten. Dann kommen auch alle Verkehrsteilnehmer gut aneinander vorbei.

Raus in die Natur

Am schönsten finde ich das Velofahren immer noch, wenn ich alleine oder mit Kollegen draussen an der frischen Luft in der freien Natur bin. Wenn die Sonne aufgeht, wenn die Sonnenstrahlen durch die Blätter funkeln, wenn ich am Uetliberg wieder einmal einen Hasen oder Reh sehe, oder es einfach ruhig ist und ich meine Gedanken abschalten kann. – Das ist Freiheit!

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