«Manche Leute fragen mich, warum ich so viele Velos habe. Ich frage dann jeweils zurück: «Hast du denn nur ein Paar Schuhe?» Heute zähle ich netto 22 fahrbereite Exemplare mein Eigen: vom schnellen Liegevelo zum bequemen Liegevelo, über diverse Renner bis zum Cargobike, e-Bike und weiteren Velotypen. Ergänzend dazu kommen noch eine unbestimmte Anzahl Brutto-Velos. Damit meine ich jene, die ich erst zusammenbauen muss … Für mich ist jedes dieser Velos Ausdruck einer Idee, einer Stimmung oder eines Bedürfnisses von mir. In meiner Einzelgarage in Winterthur hängen sie ordentlich aufgereiht, und ich weiss genau, welches ich für welche Tour benötige. Ein Auto habe ich nicht – meine Mobilität rollt auf zwei Rädern.
Spätzünder auf zwei Rädern
Velofahren habe ich erst relativ spät gelernt, nämlich Ende der vierten Klasse. Ich war der Einzige in der Klasse, der es noch nicht konnte. Da ich keine «normale» Familiengeschichte hatte, wuchs ich bei meiner Grossmutter auf. Wir lebten zu zweit in einem kleinen Ort im Zürcher Oberland. Das war zu der Zeit noch ein Dorf mit rund 500 Leuten – und ohne Bahnhof! Endlos langweilig! Mein Grosi war zu alt, um mir das Velofahren beizubringen. Zudem war sie sehr häuslich und schaute aufs Geld, auch was mein Sackgeld betraf. Daher hatte ich in meiner frühen Kindheit nie ein Velo.

Das Velofahren wurde erst in der Schule ein Thema. Mein Lehrer wollte nämlich mit uns einen Ausflug machen. Als er erfuhr, dass ich weder ein Fahrrad hatte, noch darauf hätte fahren können, nahm er sich meiner an. Ich bekam ein klappriges Faltvelo aus dem Brocki (Brockenhaus). Das war zwar keine Rakete, hatte lediglich drei Gänge, aber immerhin etwas.
Der Lehrer brachte mir das Velofahren bei, und schliesslich konnte ich mit auf den Klassenausflug. Was für ein Erlebnis! Ich war zwar noch etwas unsicher unterwegs, aber das legte sich schnell. Dabei lernte ich: Mit dem Velo kann man die Welt entdecken! Und wie!
Neue Freiheit
Dank meines Velos kam ich als Kind aus dem Dorf raus. Das war fast die einzige Möglichkeit, mit wenig Sackgeld und alleine. Diese Form der Weltentdeckung nährte meine Liebe zum Velo als Verkehrsmittel für fast alle Zwecke. Die Faszination für die Technik und die Vielfalt des Velos war dann letztendlich eine logische Folge daraus.
Später finanzierte mir meine Grossmutter ein besseres Velo. So kam ein Halbrenner mit fünf Gängen dazu. Das war eine Offenbarung! Ich merkte, wie viel mehr Spass es macht, wenn das Material stimmt.
Velo reparieren – ohne Handyhilfe
Ein entfernter Verwandter, Hanspeter, nahm mich dann ab und zu mit auf Velotouren und brachte mir bei, wie man ein Velo pflegt. Seine Devise: Wenn man ein Velo hat, muss man auch Sorge zu ihm tragen. Pneus aufpumpen, Speichen zentrieren, Licht reparieren – das lernte ich alles von ihm. In einer Zeit noch ohne Handys musste man unterwegs alleine zurechtkommen.
Einmal radelte ich im Schneeregen zur Bibliothek. Mein Licht war so schwach, dass ich kaum etwas sah. Prompt fuhr ich einem Mann in die Beine. Zum Glück war er nett und erkundigte sich sogar, ob ich mir wehgetan hätte. Aber für mich war klar: So geht das nicht! Hanspeter schenkte mir ein helles Licht, und so begann ich sukzessive, meine Zweiräder eigenhändig zu verbessern. Heute habe ich jedes einzelne meiner mehr als 22 Fahrräder selbst aufgebaut – vom Rahmen bis zur letzten Schraube.
Von der Berufung zum Beruf
Meine Veloleidenschaft begleitete mich auch in die Berufswelt. Zunächst landete ich im Büro eines Industriebetriebs, was mich nicht erfüllte. Dann hatte ich die Chance, für eine Velovertriebsfirma zu arbeiten. Ich kannte die Produkte, war mit Haut und Haar dabei, und wurde schnell gefördert. Später kam eine Sinnkrise. Ich merkte, dass mich die Arbeit nicht glücklich machte. Also besann ich mich auf eine alte Liebe: das Schreiben. Bei einer Veloveranstaltung sprach mich ein Redaktor an. Wir kamen ins Gespräch und ich begann, für ein Magazin zu schreiben. So finanzierte ich mir die Berufsmatur und später mein Journalismusstudium.

Heute schreibe ich nicht mehr für Magazine. Aber beruflich bin ich dem Velo treu geblieben. Mit meiner eigenen Firma mache ich Marktforschung für die Velobranche, entwickle Studien und organisiere Events mit Winterthurer Velogeschäften. Ich sage jeweils: Ich verdiene mein Geld mit Velos – aber ich verkaufe keine, baue keine und repariere keine – ich arbeite bloss mit meinem Velo-Know-how. Und manchmal habe ich wieder lange genug am Computer gesessen und Studien geschrieben. Dann belebt mich fast nichts so sehr, wie wenn ich in meine Velogarage gehe und weiter an meinen Bikes herumschrauben kann. Diesen Ausgleich zu meinem Arbeitsalltag vor dem Bildschirm mag ich, und dass ich mit meinen Händen etwas erschaffen kann!
Hauptsache mit dem Velo
Im Alltag ist das Fahrrad mein ständiger Begleiter. Ich lebe in Winterthur, wo es mich der Liebe wegen hinzog. Und ich muss sagen, es ist ein Privileg, wenn man hier mit dem Velo unterwegs sein kann. Ich bin in zehn bis 15 Minuten im Büro und/oder wieder zu Hause. Ich muss in keinen überfüllten Zug steigen und stehe nie im Stau. Als ich 42 wurde, habe ich mir ein schnelles e-Bike gekauft: mein erstes motorisiertes Fahrzeug mit Strassenzulassung! Sechs Jahre fuhr ich es regelmässig, bis der treue Begleiter leider kürzlich den Geist aufgab. Nun steht bereits sein Nachfolger in der Garage …
Ich unternehme auch Velotouren, steige in den Zug mit Sack und Pack und radle dann wieder zurück. Oder wenn ich unterwegs bin und das Wetter kippt, steuere ich den nächsten Bahnhof an, verlade mein Bike und gut ist. Dafür gönne ich mir und meinem Velo auch je ein GA. Hauptsache, ich bin unabhängig und kann die Welt auf zwei Rädern entdecken.
Blickkontakt suchen, gesehen werden
Ich bin kein Draufgänger im Verkehr. Ich mache lieber einen Umweg und komme entspannt an, als dass ich mich durch das dichteste Verkehrsgedränge kämpfe. In Winterthur fühle ich mich als Velofahrer akzeptiert, in Zürich hatte ich auch anderes erlebt. Eine gute, solide Veloausrüstung ist mir wichtig, besonders ein starkes Licht! Das hat einen direkten Einfluss darauf, wie man als Velofahrer von anderen Verkehrsteilnehmenden wahrgenommen wird. Das wurde mir bewusst, nachdem ich ein besonders helles LED-Licht montiert hatte – plötzlich nahm mir kein Auto mehr den Vortritt. Seither weiss ich, dass ich etwas zum guten Miteinander im Strassenverkehr beitragen kann. Ich bin mitverantwortlich.
Ich empfehle auch, immer Blickkontakt mit Autofahrerinnen und Autofahrern zu suchen – und auch mit den Fussgängern, das ist entscheidend. Ein kurzer Blick, vielleicht sogar mal ein Lächeln, entspannt die Situation sofort. Und nur wenn ich Blickkontakt habe, kann ich sicher sein, dass mich Autofahrende gesehen haben. Ich bin überzeugt, dass niemand die Absicht hat, Velofahrende über den Haufen zu fahren. Aber man muss seinen Teil zu einem besseren Miteinander beitragen.
Veloverkehrsentwicklung
Schon seit vielen Jahren fahre ich hauptsächlich Velo. Daher fällt es mir auf, wie viel dichter der Verkehr wurde. Und unaufmerksamer. Das liegt leider auch an der Handynutzung. Das betrifft sowohl Autofahrende als auch zu Fuss Gehende. Wenn eine Person auf den Bildschirm anstatt auf die Strasse schaut, dann ist ihr Fokus natürlich komplett woanders. Ich kann dann nicht davon ausgehen, dass diese Person mich gesehen hat und anhält. Dies macht die Mobilität im Strassenraum heute anspruchsvoller.
Daher wäre es schon toll, wenn es mit der Veloverkehrsentwicklung zügiger vorangehen würde. Da neige ich manchmal zur Ungeduld. Es hat rund 40 Jahre gedauert, dem Automobil seinen Platz im Verkehr zu geben. Inzwischen sind ebenfalls 40 Jahre vergangen, diesen Platz besser mit den übrigen Verkehrsteilnehmenden zu teilen.
Über den Lenker absteigen
Zum Glück hatte ich bisher kaum Stürze. Einmal rutschte mit mein Velo bei Glatteis unter dem Hintern weg. Einige wenige Male bin ich über den Lenker abgestiegen, sprich, umgefallen. Aber es ist nie etwas Ernsthaftes passiert. Dafür hatte ich andere schmerzhafte Momente, im übertragenen Sinne: Es war hart, als mein Lieblingsfahrrad kaputtging, mein Alltagsvelo, das ich über so viele Jahre gefahren hatte. Ich nannte es Traktor, denn es war wirklich schwer und schwerfällig. Eines Tages brach mitten in der Fahrt der Rahmen! Das schmerzte. Keines war so gutmütig wie mein Traktor!
Faszinierend
Velos sind meine Passion und mein Alltag. Mein Ziel für 2026: Ich will mit jedem meiner aktuell 22 Velos mindestens eine Stunde lang fahren. Das klingt einfach, aber als Selbstständiger mit vielen Interessen, wie Kochen, Wandern oder Lesen, ist die Zeit knapp. Meine Partnerin ist nicht ganz so veloverrückt wie ich. Aber sie unterstützt mich, weil sie weiss, was es mir bedeutet.

Am liebsten ist mir der Moment auf dem Velo, sobald es rollt – dieses Aufbrechen gerade am Morgen, raus in den Alltag. Als ich damals in der Schule das Velofahren lernte, fiel mir das Anfahren besonders schwer, bis ich im Gleichgewicht war. Und heute: Losfahren und mit Leichtigkeit vom Stehen ins Rollen kommen. – Das finde ich faszinierend.»












