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Sarah Schott, 23, Glace-Verkäuferin & Grafikerin Bis das Velo geliefert wurde, habe ich Blut und Wasser geschwitzt. Aufgezeichnet von Vanessa Sadecky

Zu meinem Glace-Velo bin ich dank meiner Diplomarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste gekommen. Da ich mich für alles interessiere, was in der Gesellschaft spezielle Aufmerksamkeit hervorruft, war so ein fahrbarer Verkaufsstand für mich perfekt.

Zwar hätte es gereicht, meine Abschlussarbeit mit einem Kartonmodell zu präsentieren. Aber ich bin sehr ehrgeizig und dachte mir, wenn schon, denn schon! Zuerst wollte ich das Velo selber bauen. Ich realisterte relativ schnell, dass dies zu schwierig ist. Nach einer Online-Recherche wählte ich ein massgeschneidertes Modell aus Italien. Bezahlen konnte ich es mit Hilfe eines Crowdfundings – es kostete 6‘000 Franken. Bis es endlich geliefert wurde, schwitzte ich Blut und Wasser. Niemand konnte mir garantieren, dass es rechtzeitig eintrifft. Schliesslich wurde es am Tag vor meiner Abschlusspräsentation geliefert.

Den Sommer 2017 verbrachte ich damit, Glace zuzubereiten und auszuliefern. Wenn es nur eine kleine Menge war, machte ich das mit meinem heissgeliebten, klapprigen Rennvelo. Dafür packte ich mehrere Lieferungen mit Kühlelementen in meinen Rucksack. Das Glace-Velo sieht zwar toll aus, es ist jedoch durch sein Kühlsystem verdammt schwer. Wenn ich es voll belade passen 25 Liter Glace rein. Das macht 25 Kilo extra und der Sommer war extrem heiss. Beachten muss man, dass das Kühlsystem nach zwei Stunden wieder Strom braucht, damit das Glace nicht wegschmilzt, bevor es im Cornet landet.

Meine romantische Vorstellung, dass ich das Glace-Velo nach Lust und Laune irgendwo in der Stadt aufstellen kann, wurde leider recht schnell zerstört. Das geht nur mit Spezialbewilligung oder auf einem Privatgrundstück. Deshalb setze ich jetzt auf das Catering-Geschäftsmodell.

Letzten Sommer waren die Glace-Sorten von der Stadt inspiriert

Bei der Entwicklung der Geschmacksrichtungen liess ich mich letzten Sommer von den zwölf Stadtkreisen inspirieren. Ich hörte mich im Freundeskreis über die Eigenheiten und Klischees der Quartiere um und informierte mich über die Geschichte der Stadt Zürich. Diese Geschichten waren neu für mich, da ich ursprünglich aus Graubünden stamme. Ich machte mich dann auf die Suche nach lokalen Anbietern, die mir gewisse Zutaten in Bio-Qualität liefern können.

Für die Glacesorte aus dem Kreis vier verwende ich zum Beispiel Honig einer Imkerei an der Langstrasse. Statt einem Sahnehäubchen gab es dort einen Spritzer eines lokalen Gins auf die Kugel. Die Garnierung aus dem Kreis zwei hiess wegen der Nähe zum See „Äntefueter“. Natürlich streute ich keinem meiner Kunden altes Brot aufs Glace, sondern Müesli.

Von meinem Projekt leben kann und will ich nicht. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit als Grafikerin und ich möchte auch nicht in die Massenproduktion einsteigen. Dort müsste ich bezüglich Nachhaltigkeit und Regionalität sicher Kompromisse eingehen und das will ich nicht. Es gibt bei mir zum Beispiel auch gewisse Sorten nur dann, wenn es die Natur erlaubt.

In der Saison 2018 werden die Zutaten aus der Region Graubünden kommen, da ich nach Chur gezügelt bin. Es ist für mich ein schöner Ausgleich zu meinem Job als Grafikerin, wenn ich für ein Event gebucht werde und dann dort mein selbstgemachtes Glace verteilen darf.

Inzwischen bereite ich meine Glace-Kreationen ohne Milch und Eier zu, weil ich mich seit einem halben Jahr vegan ernähre. Das hat aber nichts damit zu tun, dass Veganismus gerade im Trend liegt, sondern, weil ich mich schon immer stark mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt habe.

Die Hauptsache ist dabei, dass es den Leuten schmeckt. Ich finde, es sollte normal werden, dass Alternativen angeboten werden. Gerade, weil es immer mehr Menschen mit Allergien gibt.

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