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Sara Schneebeli, 42, Kita-Leiterin Winterthur

Mein Kistenvelo würde ich nie mehr hergeben.

Aufgezeichnet von Vanessa Sadecky

Mein Familie und ich wohnen ein paar Strassen neben der Kita. Ich leite die Kita Loki in Winterthur, die ich vor zwölf Jahren gründete. Der ökologische Gedanke ist mir sehr wichtig, darum schaffte ich für die Mitarbeiter fünf Velos und ein Kistenvelo mit Elektromotor an. Eigentlich erhoffte ich mir, dass die Velos mehr genutzt werden. Ich musste feststellen, dass das schwierig ist. Nicht alle Kita-Mitarbeiter kommen aus einem Kulturkreis, in dem man mit dem Velo unterwegs ist.

Ich selber bin so gut wie jeden Tag mit meinem privaten Kistenvelo unterwegs: Heute Morgen brachte ich meine Tochter Lulu in die Physiotherapie. Danach fuhr ich sie in ihre Kita und erledigte Einkäufe. Im Anschluss holte ich Lulu und meinen Sohn Emil von der Kita wieder ab. Mein Kistenvelo hatte ich bereits, bevor ich Kinder hatte. Ich fuhr damit immer einkaufen. Deshalb weiss ich, dass genau fünf gefüllte Einkaufstaschen reinpassen. Ich würde es nie mehr hergeben.

Wir chauffieren die Kinder nicht den ganzen Tag herum

Für die Kitakinder nutzen wir das Kistenvelo mit Elektroantrieb nur gelegentlich. Eigentlich nur, um die Kindergartenkinder abzuholen oder in den Kindergarten zu bringen. Wir chauffieren die Kinder nicht den ganzen Tag herum, das würde nicht zu unserer Kita-Philosophie passen.

Kistenvelos sind super praktisch, da man einfach alles vorne rein tun kann, ohne viel zu studieren. Natürlich ist mein privates Kistenvelo anstrengend, weil es keinen Motor hat. Ich sage mir aber, solange ich ohne Elektromotor fahren kann, fahre ich ohne. Für mich sind die Fahrten auch ein Fitnessprogramm.

Zum ersten Mal sind mir Kistenvelos in Kopenhagen begegnet. Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Platz den Velos in dieser Stadt eingeräumt wird. Sie haben fast den gleichen Stellenwert wie Autos. Gerade weil so viele Velos fahren, ist es wichtig, dass man besonders aufeinander Acht gibt.

Im Winterthurer Veloverkehr mache ich gute Erfahrungen mit meinem Kistenvelo. Man sieht, dass immer mehr davon unterwegs sind. Ich kaufte meines vor vier Jahren. Da war es noch etwas Besonderes, die Leute bewunderten es. Heute gehören Lastenvelos schon fast zum Stadtbild.

Ich weiss, dass ich eigentlich einen Helm tragen sollte, gerade auch als Vorbild für meine Kinder. Ich selber hatte noch nie einen Velounfall. Dennoch besitze ich einen Helm. Aber irgendwie ist es mir zu mühsam, einen zu tragen oder ich vergesse ihn einfach zuhause.

Evelyn Steigbügel sitzt bei den Kindern von Sara Schneebeli im "Chischtevelo". Foto: Sarah Urech

Beschreiben würde ich mich als lebhafte Person. Ich verbrachte meine ersten Lebensjahre überwiegend in Ghana. Meine Eltern  waren in der Entwicklungshilfe tätig. Ich sprach bis ich etwa fünf Jahre war Frafra, die Sprache der Einheimischen.

Meine Kindheit in Ghana war ganz anders, als sie in der Schweiz gewesen wäre. Ich war dort im Alter von Zwei bis etwa Sechs und transportierte wie die anderen Kinder Wasser auf dem Kopf, trug Babys auf dem Rücken, wusch und kochte sogar Essen. All das trug sicher dazu bei, dass ich sehr früh selbstständig war.

Meine Erfahrungen in Afrika prägten mich soweit, dass ich sie in das Konzept meiner drei Kitas habe einfliessen lassen. Die Kinder hier sollen von Anfang an lernen, auf sich selber zu achten und einen gewissen Grad an Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit zu erfahren. So lernen sie sehr früh Dinge, wie sich das Essen selber zu schöpfen oder sich alleine anzuziehen. Wir Betreuerinnen versuchen dabei nur zu leiten und weniger für die Kinder zu entscheiden. Natürlich ist das Konzept nicht neu. In Grossfamilien früherer Zeiten gab es auch keine 24-Stunden-Komplettbetreuung wie heute.

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