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Rosanna Trafelet, 35, Naturheilpraktikerin TEN Velofahren ist etwas Wunderbares, ja fast Heilsames. Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

Meine Leidenschaft fürs Velofahren begann etwas unrühmlich. Als ich im Kindergartenalter war, hatte ich ein Velo entführt, wofür ich mich heute noch etwas schäme. Ich wollte endlich ein richtiges Velo fahren, kein Dreirad oder eines mit Stützrädern, sondern ein Grosses. Als der Nachbarsbub eines geschenkt bekam, machte mich das so eifersüchtig, dass ich es ihm wegnahm und zwei Tage lang versteckte. Natürlich kam alles ans Licht.

Nicht viel später bekam ich dann trotzdem ein eigenes Velo – ein hübsches, rotes Oldschool Damenvelo. Heute wäre ich sehr stolz auf ein solch tolles Velo. Damals fand ich jedoch Mountainbikes so viel cooler.

Kraft schöpfen durch Velofahren

Velofahren ist etwas Wunderbares, ja fast Heilsames. Für mich bedeutet Velofahren Freiheit, Freude und Glücksgefühle.

Vor fast zehn Jahren, als ich noch in Bern wohnte, kam es zu einer Trennung. Darauf kehrte ich Hals über Kopf zurück nach Zürich und musste mich komplett neu orientieren. Ich erinnere mich noch gut. Das Velo war in dieser Zeit meine Rettung. Ich war am Boden zerstört. Doch auf dem Velo hörte mich niemand. Dort konnte ich «hässig» sein oder auch mal fluchen. Das war sehr befreiend. Durch das Velo konnte ich Kraft schöpfen. Velofahren war in dieser schwierigen Phase fast wie eine Therapie und half mir, den Trennungsschmerz nach und nach zu überwinden.

Auch heute, wenn es mir mal nicht so gut geht, steige ich aufs Velo und radle los. Da kann ich wunderbar abschalten. Ich muss mich dann auf den Verkehr konzentrieren und habe gar keine Zeit mehr, an anderen Dingen herum zu studieren. Ich spüre die kalte Luft im Gesicht und nehme das Wetter und die Jahreszeiten bewusst wahr. So bin ich viel näher dran am Geschehen. Ich mag es sehr, durch die Stadt zu fahren und Dinge um mich herum aus nächster Nähe zu sehen und zu erleben. Ich finde es sehr bereichernd, wenn ich durch ein Quartier fahre und die Stimmung dort wahrnehme.

Ökologisch sinnvoll und schnell

Ich wohne mitten in der Stadt Zürich und versuche so ökologisch wie möglich zu leben und dabei weniger Ressourcen und Platz zu verbrauchen. Das Velofahren hilft mir dabei. Das Velofahren in der Stadt macht für mich absolut Sinn, denn mit dem Velo bin ich überall viel schneller – sogar schneller als mit Bus oder Tram.

Ich habe ein «aufgepäppeltes» Velo aus der Velowerkstatt. Es ist alt aber schön gelenkig. Es hat zwar nicht so viele Gänge, manchmal fährt es sich deswegen etwas streng und harzig beim Bergauffahren. Aber das finde eine tolle Herausforderung. Ich fahre sehr gerne bergauf, das finde ich lustig, vor allem, um aus der Stadt zu kommen. Bei der Kirche Unterstrasse geht es ziemlich steil den Hügel hinauf und es ist jedes Mal spannend, ja fast ein Spiel, ob ich es bis ganz nach oben schaffe. Und beim Dynamo zum Beispiel, oben bei der Brücke, habe ich jedes Mal für einen kurzen Augenblick das Gefühl ich könnte fliegen.

Die Velofahrt nach Hause ist wie eine innerliche Dusche

Fortbewegungsmittel Nummer 1

Das ganze Jahr über und bei jedem Wetter lege ich all meine Wege mit dem Velo zurück. Sei es für das tägliche Pendeln in meine Praxis, um einzukaufen oder für sonstige Erledigungen. Das Velo ist mein Fortbewegungsmittel Nummer Eins. Es begleitet mich überall hin, auch zu den wöchentlichen Chorproben und zum Besuchen meiner Freunde. Oft fahre ich auch einfach aus der Stadt ins Grüne. Dabei gibt mir die Natur sehr viel Kraft.

Nach einem ganzen Tag in der Praxis und all den Geschichten der Patientinnen und Patienten, ist die Velofahrt nach Hause wie eine innerlich reinigende Dusche. So nehme ich die Last der Themen nicht mit nach Hause. Ich kann den Tag so hinter mir lassen und komme frisch zuhause an.

Holland vs. Zürich – mehr Velofahrer durch bessere Infrastruktur

Gerne vergleiche ich uns mit Holland. Ich war einmal in den Ferien dort und habe ein Velo gemietet. In Holland gibt es so viele Möglichkeiten, richtig tolle Velostrassen. Das hat mich tief beeindruckt. Ich wünschte mir deshalb für Zürich bessere Velowege und allgemein mehr Platz fürs Velo. Auf Überlandstrassen fühle ich mich oft sehr unsicher, wenn die Autos mit 80 km/h an mir vorbeifetzen. Vor allem die Signalisation könnte mancherorts besser sein. Teilweise ist es wirklich unklar und plötzlich landet man auf einem Trottoir und wird im ungünstigsten Fall sogar gebüsst deswegen. Das ist einer Freundin von mir tatsächlich passiert.

Die Infrastruktur in Holland ist unglaublich gut und ausgereift. Dort hat man richtig Lust, Velo zu fahren. In der Stadt Zürich ist es nicht gerade ungefährlich, aufs Velo zu steigen. Mit besserer Veloinfrastruktur könnte man es den Menschen sicher leichter machen, sich öfters für das Velo zu entscheiden. Ich hoffe auf eine positive Entwicklung für das Velo. Die letzten Abstimmungsresultate der Stadt Zürich stimmen mich jedenfalls zuversichtlich und ich glaube es lohnt sich auf jeden Fall, hier mehr zu investieren.

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