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Patrik Mäder, 46, Partnermanager Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben sind mir wichtig Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

Wenn ich plötzlich wieder sehen könnte, würde ich mich auf ein Mountainbike schwingen und alleine losradeln. Selbstbestimmt, wohin ich will, wie lange ich will, in meinem Tempo – einfach für mich die Natur erleben und mein eigener Pilot sein. Doch das ist Wunschdenken. Die Eindrücke, die auf mich einprasseln würden, wären eine ziemliche Herausforderung für mich.

Seit einigen Jahren leide ich an einer Augenkrankheit, genauer an Retinitis Pigmentosa und habe noch einen Restsehwert von zehn Prozent. Gewisse Umrisse und Schatten erkenne ich, mehr nicht. Als Familienvater ist es mir wichtig, mit meiner Frau Maria und meinen Kindern Yanik (12) und Joline (8) etwas zu unternehmen und in die Natur hinaus zu gehen. Doch kurz vor meinem dreissigsten Geburtstag musste ich das Velo- und Autofahren aufgeben. Seither kann ich ein geliebtes Hobby nicht mehr ohne Hilfe ausüben.

Viele Veloreisen nach einem Klassenlager

Dabei war das Velo lange Zeit ein wichtiges Sportgerät und Transportmittel für mich. In meiner Freizeit und zum Pendeln in die Schule und während der Lehrzeit. Ich erinnere mich noch gut an ein Klassenlager in der sechsten Klasse. Wir starteten bei der Rheinquelle im Oberalp und fuhren entlang des Rheins bis nach Basel. Das war der Startschuss für viele weitere Veloreisen. Einmal ging es von Hittnau über den Gotthard bis nach Venedig. Eine andere Reise führte uns nach Frankreich. Allesamt waren tolle Erlebnisse, die einem bleiben. Eigentlich bin ich gar nicht so der Reisetyp, fahre aber sehr gerne Velo.

Mit rasantem Tempo über Stock und Stein

Am Velofahren gefällt mir, dass man draussen an der frischen Luft ist. Man erlebt viel und kommt trotzdem recht zügig vorwärts. Der Radius ist einfach ungleich grösser, als zu Fuss. Als ich nicht mehr selbständig velofahren konnte, schafften wir uns ein Mountainbike-Tandem an. Dieses Fahrrad ist allerdings für grosse Leute konzipiert und relativ schwer. So scheiterte das Projekt, mit meiner Frau Velofahren zu können.

Ich habe dann aber mit einem guten Freund von mir angefangen, Touren zu unternehmen. Das funktioniert ganz gut. Es muss allerdings schon mit einer Person sein, der ich vertraue. Das würde ich nicht mit jedem machen. Denn manchmal sind wir mit ordentlichem Tempo unterwegs und das über Stock und Stein durch Wald und Wiese. Wir sind nicht verbissen, aber ein bisschen Ehrgeiz haben wir schon. Ich mag es, den Fahrtwind und die Geschwindigkeit zu spüren. Das gefällt mir und ich habe überhaupt keine Angst.

Ein neues Velo für gemeinsame Familienmomente

Auch in den Ferien mag es Familie Mäder gerne aktiv. Noch immer hatten wir keine zufriedenstellende Lösung für unser gemeinsames Velofahren mit der Familie gefunden. So schauten wir uns weiterhin nach Alternativen um und stiessen bei Hase Bikes auf das „Pino Allround“. Das ist eine Kombination aus Tandem, Liegerad und Transportvelo. Kurz vor dem Lockdown im Frühling 2020 konnten wir unser neues Velo abholen. Seither sind wir öfters damit unterwegs.

Die Kinder finden es toll, dass es jetzt eine Möglichkeit gibt, etwas Gemeinsames zu unternehmen. Bei vielen Freizeitaktivitäten kann ich leider nicht mitmachen. Deshalb ist es jetzt umso schöner, eine Möglichkeit gefunden zu haben, womit wir alle auf unsere Kosten kommen. Natürlich denke ich manchmal, es wäre toll, noch mehr zu können. Dennoch haben wir das Beste aus unserer Situation gemacht. Wir lassen uns nicht einschränken. Auch für die Kinder ist es völlig normal. Sie kennen nichts anderes.

Wetzikon – Bodensee mit Sack und Pack

Diesen Sommer unternahmen wir gemeinsam mit meinen Eltern eine Familien-Veloreise. Dabei fuhren wir von unserem Wohnort Wetzikon an den Walensee, durchs Rheintal bis nach Mammern am Bodensee. Das Schöne an einer Veloreise ist, dass stets der Weg das Ziel ist. Für die Kinder war es ein riesiges Abenteuer. Das Unterwegssein, jede Nacht woanders schlafen, im Restaurant essen oder ein Picknick machen – und natürlich die zahlreichen Badestopps sowie die Zeit am Bodensee. Mit all den Umwegen und Zwischenstopps kamen wir so auf gut 250 Kilometer. Das war ein einmaliges Erlebnis.

Mittlerweile haben meine Frau und ich unser Hase-Bike ziemlich gut im Griff.  Wir sind froh, dass wir ein Modell mit elektrischer Unterstützung gewählt haben. Immerhin wäre es mit Gepäck und bergauf sonst schon recht beschwerlich. Wir pedalieren zwar gemeinsam. Aber das Gewicht und die Stabilität sind nicht zu unterschätzen. Einzig auf unserer Jungfernfahrt passierte uns ein kleines Missgeschick. Wir kippten aus dem Stand zur Seite auf die Strasse. Dennoch hatten wir Glück im Unglück. Uns war nichts passiert.

Die Mobilität und das selbstbestimmte Leben ist dank Pequenita ein Stück weit zurückgekommen.

Nebst meiner zurückgewonnen Velofreude hat mir meine Assistenzhündin Pequenita viel Freiheit zurückgegeben. Seit ein paar Jahren ist sie mir eine grosse Stütze und eine tolle Gefährtin. Ich lege viele Strecken, die ich alleine bewältigen kann, zu Fuss zurück. Pro Tag sind das mit Arbeitsweg und Hundespaziergängen zehn bis zwölf Kilometer. So kann ich meine Batterien laden und runterfahren. Ich bin nämlich kein «Herdentier» und durchaus gerne auch mal für mich. Die Mobilität und das selbstbestimmte Leben ist dank Pequenita ein Stück weit zurückgekommen. Freiheit und Unabhängigkeit sind schon sehr wichtig für mich.

Veloanhänger für den Familienhund

Für unseren Familienhund haben wir sogar noch einen Veloanhänger gekauft. So kann sie auch auf eine Velorunde mitkommen. Allerdings konnten wir sie im Sommer nicht mitnehmen, weil uns der Anhänger als Gepäckwagen diente. Auf kürzeren Touren darf sie aber jeweils dabei sein.

Ich wünschte mir, dass die Apps mit den Velowegen noch weiterentwickelt würden, um die Auffindbarkeit der Velowege zu verbessern. Auch für diesen Sommer werden wir wieder eine Veloreise in der Schweiz planen, je nach Pandemie-Situation. Ein grosses Ziel von uns wäre, einmal der Donau entlang bis nach Wien zu radeln. Mal sehen, wann wir dieses Vorhaben umsetzen.

Infobox: Retinitis Pigmentosa, kurz RP

Retinitis Pigmentosa beschreibt eine durch Vererbung oder spontane Mutation entstehende Netzhautdegeneration, bei der die Photorezeptoren zerstört werden. Dabei verliert der Betroffene allmählicher sein Sehfähigkeit bis zur kompletten Erblindung.

Patrik Mäder veröffentliche in den letzten Jahren gegen 180 Blogbeiträge über seine Erfahrungen als fast blinder Mensch. Die manchmal irrwitzig-komisch-skurrilen Alltagssituationen, die er mit seiner Assistenzhündin Pequenita erlebte, inspirierten ihn zu seinen Texten. Mensch und Hund stehen dabei stets in intensivem Dialog untereinander.

Allerdings ist seit Herbst 2020 Schluss mit neuen Kurzgeschichten. Der Autor befand, 180 Geschichten seien genug, und seit Corona würde er nicht mehr viel Spannendes erleben. Zurzeit ist der Hobby-Autor in einer kreativen Schreibpause und macht sich Gedanken über zukünftige Projekte.

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