Home Beiträge online Lifestyle Das Velo von Natalie Gyöngyösi hat einen festen Platz im Leben und in der Wohnung

Das Velo von Natalie Gyöngyösi hat einen festen Platz im Leben und in der Wohnung

Natalie liebt die Leichtigkeit ihres urbanen Lebensstils ganz ohne Auto. Als ehemalige Velokurierin

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«Ohne Rambo kein Velo. Ohne Velo kein Ponyglück und kein Freiheitsrausch. Rambo war mein Pflegepony – klein, flauschig – ein Herzensbrecher mit Augen wie aus einem Disneyfilm und Wimpern wie von einer Drag Queen. Er lebte in Oetwil am See. Wobei, «am See» ist ziemlicher Humbug. Schliesslich erstreckt sich zwischen Oetwil und dem Zürichsee der halbe Pfannenstiel.

Ich war sechs. Rambo machte mich süchtig. Und der Weg zu ihmvon fünf Kilometer war damals eine halbe Tour de Suisse. Aber ich zog es durch: Bei Wind, Wetter, Hagel und Herzklopfen. Jeden Tag hüpfte ich aufs Velo und fuhr zu ihm: Ausreiten, Stall misten, striegeln. Rambo wälzte sich bevorzugt im allergrössten Schlamm und war daher immer ultimativ dreckig. Kein Kinderspiel, mein tägliches Abenteuer. Aber als Husarentochter – meine Eltern sind Ungarn und wir somit Abkömmlinge dieses Reitervolks – wurde mir die Mobilität auf Hufen quasi in die Wiege gelegt. Doch erst das Velo zeigte mir, was Unabhängigkeit bedeutet. Der Samen für das unbezähmbare Bedürfnis nach Freiheit war gesät – und gedieh prächtig. Es ist bis heute meine Lebenseinstellung.

Ab in die Stadt

Als Teenager war ich auf einmal zu gross und zu schwer für den armen Rambo. Aber wir wurden sowieso getrennt: Ich kam in die Kanti nach Zürich und er in einen neuen Pensionsstall, irgendwo in einer noch ländlicheren Pampa. Ich war absolut heartbroken. Die doofe Schule lag für mich aber gefühlt ebenfalls am Ende der Welt, nämlich in Zürich Hottingen. Also war Schluss mit täglichem Velofahren. Dafür mit S-Bahn und Forchbahn in einem ständigen Hin und Her. Mit 17 wurde es mir zu blöd. Ich verliess das elterliche Nest in Oetwil am See und zog nach Zürich in eine Wohngemeinschaft. Das neue Lebensgefühl: Kein Pony, kein Drahtesel und kein Geld.

Meine Wohn-Gspänli und ich klapperten die Flohmärkte ab – in aller Herrgottsfrühe! – immer auf der Suche nach einem Schnäppchenfahrrad. Wenn wir eines kauften, kehrten wir zurück und bastelten daran herum, bis es perfekt war. Schlafen durften unsere Velos selbstverständlich in der Wohnung. Mitten in der Stube, fein säuberlich und trophäenartig nebeneinander an der Wand aufgehängt.

Über den Lukmanier nach Genua

Endlich konnte ich wieder mit einem Zweirad herumflitzen. Und das war erst der Anfang! Als ich nämlich später die KME, die kantonale Maturitätsschule für ‘erwachsene Kinder’ besuchte (eigentlich heisst sie ja Kantonale Maturitätsschule für Erwachsene), lernte ich zwei Wesensverwandte kennen, die meine Leidenschaft fürs Velo teilten: Flo und Beat. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft! Wir hatten alle kein Geld, ernährten uns von asiatischer Instant-Nudelsuppe und fuhren nie in die Ferien, denn die Miete war einfach teuer! 

Aber irgendwann fragte mich Flo, wo ich übermorgen am liebsten wäre. Ich so: Am Meer. Er so: Ok, pack’ das Bikini und bring dein Velo – wir fahren nach Genua! Und das taten wir dann auch. Über den Lukmanier fuhren wir südwärts. Das war ganz schön kalt da oben. Zum Glück hatten wir nebst Badeanzug auch noch ein paar Windjäckli dabei. – Was für ein Highlight, als wir nach tagelangem In-die-Pedale-Treten, zahllosen platten Reifen und ordentlich Füdliweh endlich vom Berg aus nachts die Lichter der Stadt sahen. Wir übernachteten in einer Jugi. Zum Znacht gab es um diese Zeit trotz Bärenhunger nur noch Snacks aus dem Selecta-Automaten. Egal! Denn am nächsten Tag wurde das Windjäckli zuunterst in den Rucksack gestopft, und es war Zeit für T-Shirt und Bikini! Auch da wieder die Erkenntnis: Velofahren bedeutet Freiheit!

Bald nutzten wir unsere Drahtesel nicht mehr nur zum Spass. In der KME hatten wir nämlich nur vormittags Schule, also viel freie Zeit am Nachmittag. Flo hatte dann eine geniale Idee: Lasst uns als Velokuriere Geld verdienen. Gesagt, getan! Jetzt brach eine regelrechte Velomanie bei uns aus. Wir starteten als Velokuriere bei Flash – und ich war (soweit ich weiss) das erste Meitli überhaupt, das in diesem Job arbeitete. Ok, ich geb’s zu: Ich nützte meinen Bibi-Bonus (Girlie-Bonus) schamlos aus. Meine Jungs kümmerten sich um die technischen Aspekte bei meinem Velo, welches ich knapp aufpumpen konnte. Aber auf Tour hielt ich längstens mit ihnen mit, vor allem wegen Diego vom Veloblitz, meinem Flash-Götti. Er brachte mir bei, wie man trotz schwerem Gepäck kein Knieweh am Abend bekam – leichte Gänge, weisch. Und wo die krassesten Abkürzungen und Schleichwege in der City waren.

Mit Köpfchen auf dem Velo

Die KME wechselte plötzlich auf Ganztagsschule, und am Nachmittag war nicht mehr drin. Wir wechselten zum Blitz-Velokurier, denn dort konnte man LILY’S fahren – für das coole, panasiatische Resti an der Langstrasse. Da durften wir nach der Schicht megagünstig oder gratis noch das feinste Essen zum späten Znacht mitnehmen. Ich fuhr je länger, je geschickter Schleichwege und je länger, je schneller wie ein Berserker! Wir hatten sehr viel Spass.

Diegos Tipps hatten geholfen, ich fuhr tatsächlich eines Tages praktisch gleich schnell wie die Jungs. Die hatten zwar mehr in den Beinen, dafür hatte ich was im Köpfchen, hehehe… So drehte ich zwölf Jahre lang meine Touren als Blitzkurierin in Zürich. Ich war regelrecht besessen davon. Auch von dem, was Fahrräder auszeichnet: Reduced to the max – also maximal auf das Nötigste reduziert: Fixie Bikes ohne Bremsen, und auch sonst ohne Schnickschnack. 

Okay, vielleicht mal ein schickes Scheibenrad oder ein stylishes Aerospoke – das ikonische Carbon-Rad mit fünf Speichen, das aussieht wie Kunst und fährt wie der Wind. Und ethisch voll korrekt: null CO₂-Ausstoss! Wir Humanos sind ja eher unterbemittelt. Wir können weder jemanden totbeissen noch schnell flüchten. Aber mit dem Velo haben wir ein Werkzeug gebaut, das fast schon etwas Organisches hat! Zum Beispiel, wenn du dank Klickschuhen regelrecht mit deinem Drahtesel verwachsen bist.

Klickschuhe vs. High Heels

Wobei – Klickschuhe trug ich nur eine Zeitlang, als ich ein Fixie fuhr. Das war wie Fliegen! Mit meinem Buddy Flo umrundeten wir regelmässig nach Feierabend den Zürichsee. Dann den Wind im Gesicht zu spüren und dieses Gefühl, beinahe zu fliegen, das war und ist unglaublich grossartig! Auch wenn ich heute nicht mehr so schnell unterwegs bin, um Universen nicht mehr so schnell. Bürojob lässt grüssen.

Meine Freunde nennen mich inzwischen liebevoll die B-Post. Ich komme auch immer zu spät. Und das liegt nicht daran, dass ich vorwiegend mit High Heels unterwegs bin. Ich nehm’s heute einfach auch etwas gemütlicher. Okay – und Sneakers stehen mir einfach nicht. Da bleiben also praktisch nur High Heels. Für mich völlig normale Schuhe für alles. Und deshalb fahre ich damit auch praktisch bei jedem Wetter Velo. Nur bei eisigen Bedingungen nehme ich ausnahmsweise die Virenschleuder ÖV zur Arbeit.

Alleycat-Rennen und Züri autofrei

Aber damals, während meiner Velokurierzeit, herrschte noch ein anderes Tempo und ein anderes Lebensgefühl. Wir waren eine grosse Velofamilie. Also alle, die eine ähnliche Leidenschaft fürs Fahrradfahren teilten, eine Subkultur. Wir nahmen an sogenannten Alleycat-Rennen durch die City teil. Das ist eine Art Schnitzeljagd auf dem Velo durch eine Stadt, eine internationale Szene. Doch einmal gerieten wir mit der Polizei zusammen. Aber erstaunlicherweise konnten wir miteinander reden und uns einigen. Sie hatten halt gecheckt, dass wir wirklich saugut – sprich, sicher – velofahren konnten. Darum tolerierten sie uns.

Und dann war da noch die Phase der Velodemos und von ZAF, Züri autofrei. Eine regelrechte Punk-Veranstaltung, lange vor Fridays for Future! Da versammelten sich Familien mit Kindern, Businessleute mit teuren Colnago-Bikes und wir von der Velokurier-Clique. Als wir für ZAF unterwegs waren, blockierten wir auch schon mal die Hardbrücke für den Autoverkehr. Das war eine lustige und wilde Zeit. Und dank der gibt es heute unter anderem auch wesentlich mehr Velowege in unserer schönen Limmatstadt.

Bike in the City

Heute hat sich das Fahrgefühl in Züri stark verändert. Damals gab es im Stadtdschungel eine Art Agreement, eine Übereinkunft, wie wir uns als Kuriere in der Stadt auf den Velos bewegten. Wir kannten alle Ampeln auf die Sekunde genau, und wussten, wann sie wieder auf Grün wechselten. LKWs und Taxis waren unsere Feindbilder – sie drängten uns zum Spass ab. Kein Mensch weiss, warum ihnen das Freude bereitete. Eine schräge Art von Humor. Oder dienten wir ihnen als Blitzableiter, weil sie frustriert vom Strassenalltag waren? Keine Ahnung. Dennoch kamen wir mehr oder weniger miteinander aus und aneinander vorbei. Aber dann der harte Schlag, als die e-Bikes aufkamen. Und ungefähr zeitgleich mit ihnen die Kuriere auf den Elektrovelos.

Während meiner 12-jährigen Kurierkarriere wurden mir sage und schreibe einundzwanzig Fahrräder geklaut.

Diese Kuriere kannten leider kein Agreement mehr. Da sassen vielmehr Leute auf den e-Bikes, die überhaupt keine Ahnung hatten, weder von hundskommunen Verkehrsregeln, noch von der Stadt, noch wie der Stadtverkehr tickt. Sie waren schlecht für uns «normale» Kuriere und schadeten unserem Ruf erheblich. Und sie legten null Wert auf ihren Look: Von den unproportionalen Monstertaschen fiele ich vom reinen Anschauen rücklings um. Und ihre Arbeitskleider waren nicht nur alles andere als aerodynamisch, sondern auch noch aus ästhetischem Blickwinkel unterirdisch: schreiendes Orange und Grün! Aber gut. Jedem das Seine.

Insgesamt hat die Aggression im Verkehr im Vergleich zu damals zugenommen. Darum finde ich es gut, dass versucht wird, mehr Velostrassen zu bauen. Es ist natürlich ein riesen Unterschied, ob du als Velofahrerin eine eigene Piste hast oder du sie mit Autos teilen musst. Von Berufswegen arbeitete ich in den letzten Jahren eine Zeitlang in Amsterdam. Als erstes erhielt ich von meinem Arbeitgeber ein Velo. Dort ist es unvergleichlich! Man muss sich wie ein kleiner Rennfisch in einem grossen Veloschwarm einordnen und es treibt dich dann voll Tempo mit. Mich beeindruckten all die Radwege und deren Velokultur. – Auch in Kopenhagen arbeitete ich während einiger Zeit. Das war noch krasser! Dort gibt es regelrechte Veloschnellbahnen. Ein richtig gutes Fahrgefühl!

Ritt auf dem Tiger

Ganz so unsexy wie damals finde ich die Elektrovelos zwischenzeitlich nicht mehr. Oder ich werde ganz einfach langsam richtig alt. Jedenfalls überlege ich mir tatsächlich, so ein italienisches e-Gravel-Rennrad zu kaufen. Das sieht richtig gut aus, also, für ein nicht-analog-Velo. Aber eben. Es ist natürlich sauteuer. Also träume ich noch ein bisschen. In der Realität düse ich auf meinem sexy Tigerli durch die Stadt. So nenne ich mein aktuelles Oldschool-Velo, weil es ein Original-TIGRA-Velo ist. Der Onkel eines Freundes von mir hat es in den 80er-Jahren designt, es ist lila-weiss und hat mega schöne Details dran, wie die Tiger-Plakette vorne, eine stylische Trinkflasche und ein alte Pumpe. Flasche und Pumpe wurden leider geklaut. Megaschlimm! Es ist allgemein schwierig, Velos in der Stadt stehen zu lassen, egal, wie abgeschlossen man sie stehen lässt. Während meiner 12-jährigen Kurierkarriere wurden mir sage und schreibe einundzwanzig Fahrräder geklaut. Wahnsinn, oder?

Das Wertvollste, was ich je besass, war ein silberner Traum auf zwei Rädern – exakt nach meinen wildesten Wünschen zusammengebaut von einem lieben Blitz-Freund, einem industriedesign-studierten Velomech. Ein Aerospoke vorn, ein Scheibenrad hinten. Mein perfektes, heissgeliebtes Velo. Ich schwöre: Es war das schönste Bike ever.

Eigentlich hatte ich in meinem Leben nur zwei wirkliche Fahrradlieben – jetzt eben Tigerli und damals eben dieses eine, das gestohlen wurde. Es wog gefühlte acht Gramm (okay, Kilo), aber es war für mich das Schwerwiegendste überhaupt. Aufgefüllt mit Abenteuer, Erlebnissen und Erinnerungen. Mein Seelenverwandter. Ich habe mit ihm gesprochen, so wie mit Tigerli. Das habe ich sonst mit keinem meiner Velos. Es war eben mehr als ein Ding. Es war beseelt. Animistisch, irgendwie. Und dann? Geklaut. Einfach weg. Mein Freund fuhr mit mir auf dem Töff durch die ganze Stadt – jedes Quartier, jede Seitenstrasse. Aber wir fanden es nicht mehr. Das war richtig übel.

Seither träume ich immer noch von ihm, aber altersbedingt inzwischen auch wegen Realitycheck eher von einem italienischen e-Gravel-Rennbike. Wieder mit Rucksack über Stock und Stein ins Tessin oder so – aber kein Downhill, das hasse ich. Oder bei vierzig Grad über glühenden Asphalt Richtung Algarve. Ich würde das so sehr lieben. Und wenn’s mit dem sündhaft teuren Italo-e-Bike nicht klappt? – Dann gehe ich halt mit Tigerli. Der ist eh der Coolste.»

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