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Mischa Scherrer, Fotograf Das Velo ist eine Glücklichmach-Maschine Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

Als ich ein Kind war, gingen wir einfach «go velötschge». Das war Velofahren ohne bestimmten Zweck, ohne bestimmtes Ziel. Im Quartier um die Häuser kurven, einfach mal schauen, was so los ist in der Nachbarschaft. Es war Velofahren in seiner natürlichsten Form: Nur um der Tätigkeit willen, weil es so toll ist – ohne signifikanten Nutzen.

Bei uns war es üblich, dass die jüngeren Kinder die Fahrräder der Älteren übernahmen. Allerdings im sechsten Schuljahr hatte ich mir mein erstes eigenes Velo zusammengespart. Es war ein neues, silbernes Cilo mit fünf Gängen und kostete für mich damals richtig viel Geld. Doch wir wohnten an einer steilen Strasse. Und mit meinem neuen Velo war diese Steigung fast mühelos zu schaffen

Wir mochten den Sound von Mofas!

Weil ich kein Töffli haben durfte, wurde eben das Velo mein Ding. Wir Kinder mochten jedoch den Motorensound von Mofas. Deshalb klebten wir ein Stück Karton an den Velorahmen. So streifte es während der Fahrt an den Speichen und erzeugte ein knatterndes, ratterndes Geräusch – beinahe wie ein Töfflimotor.

Günstig und schnell

Dass ich Velofahrer bin, hat vor allem pragmatische Gründe. Ich fahre nicht so gerne ÖV. Die ÖV sind grossartig. Aber ich mag die Massen nicht. Da sind zu viele Menschen für mich. Ausserdem ist Velofahren günstig und schnell. Schnell im Sinne von, viel schneller als zu Fuss. Ich kann jedes Ziel erreichen. Zudem war das VBZ-Abo für mich als Fotostudent an der Kunstgewerbeschule zu teuer. Obendrein ist das Velo auch super praktisch, um am Abend noch Freunde zu treffen. Man ist an keinen Fahrplan gebunden.

Wie ich Velo-Pendler wurde

In Paris absolvierte ich 1994 ein Auslandssemester. Als ich zurückkam, kaufte ich mir von meinem letzten Geld ein Coronado: ein weisses Klappvelo, auch Ponybike genannt. Dieses Velo hatte drei Gänge. Wenn man Glück hatte, funktionierten sie auch. Dennoch bin ich sicher viermal damit nach Kriens ins Broadway-Variété geradelt. Dieses gastierte jeweils auf dem Sonnenberg. Bis ganz nach oben nahm ich dann doch die Sonnenbergbahn.

Vor drei Jahren nahm ich in Dietlikon eine Teilzeitstelle an. Erst versuchte ich es mit den ÖV oder gar mit dem Auto. Das war aber unbefriedigend. Entweder musste ich alles stehen und liegen lassen, um den Zug zu erwischen oder ich musste auf den nächsten Zug warten und dafür manchmal am Bahnhof rumstehen.

 

Da erinnerte ich mich, dass ich irgendwo noch ein altes Rennvelo rumstehen hatte. So fuhr ich die Strecke einmal probehalber an einem Sonntag ab. Es war unglaublich streng, aber ich habe mich trotzdem fürs Velo entschieden. Es war ein klarer Kopfentscheid. Ich wollte das, auch wenn am Anfang der Irchel beinahe unüberwindbar schien. Seither pendle ich bei jedem Wetter und lege so pro Monat mit dem Velo gut 450 Kilometer zurück.

Mittlerweile besitze ich nicht mal mehr ein Halbtax-Abo, weil ich mir gegenüber keine Ausrede haben möchte. Meist ist es nur ein kurzer Moment, der etwas unangenehm ist. Vor allem, wenn man raus muss und es vielleicht gerade stürmt oder in Strömen regnet. Kaum bin ich aber draussen, ist alles gut.

Meine «Glücklichmach-Maschine»

Am Velo gefällt mir seine simple Konstruktionsweise und dass es meinen persönlichen Bewegungsradius extrem vergrössert. Das Velo ist für mich die reinste «Glücklichmach-Maschine». Für mich bedeutet Velofahren Freiheit, Luft und Raum. Velofahren hat für mich nichts mit möglichst vielen zurückgelegten Kilometern pro Stunde zu tun. Der Weg ist das Ziel. Das war schon immer so. Ich bezeichne mich selbst als unsportlich, bin also absolut kein «Gümmeler».

Grosse Reisepläne

Vor einiger Zeit hatte ich eine etwas «stupide» Idee: Meine Schwiegermutter lebt in Cannes, Frankreich. Nun ja. Und so überlegte ich mir, sie zu besuchen – und zwar mit dem Velo. Dafür werde ich mir für den kommenden Sommer viel Ferien nehmen, um genug Zeit für diese Reise zu haben. Die ungefähr 800 Kilometer möchte ich auf der «Route Napoleon» zurücklegen. Auf dieser Strecke hat es einige schöne Hügel. Jedenfalls hat sich dieser Wunsch in meine DNA eingebrannt und lässt mich nicht mehr los.

Als mein altes Rennvelo ausgedient hatte, kaufte ich mir im Februar 2020 ein supermodernes, schnelles Velo. Damit konnte ich meinen Arbeitsweg viel angenehmer bewältigen, so, dass ich auch am Wochenende regelmässiger Touren machte, zum Beispiel nach Einsiedeln oder Schaffhausen.

Mein Vorhaben mit der Veloreise nach Cannes nahm immer mehr Gestalt an. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich ein anderes Velo brauche, um auf französischen Strassen zu bestehen. Vor allem eines, mit dem ich auch Gepäck transportieren kann. So schaute ich mich nach einem Stahlvelo um und erwarb im November schliesslich eines von Diamant. Ich entschied mich bewusst für ein «Stahl-Tourenvelo». Dieses Material ist irgendwie roher, einfacher auch ursprünglicher. Es ist «brut» und passt einfach besser zu mir.

Ein Stahlross für alle Fälle

Mein neues «Stahlross» ist mehr Traktor als Velo. Es ist schwer, hat breite Reifen und gibt mir ein sicheres Fahrgefühl. Damit ist alles zu schaffen! Vielleicht komme ich damit nicht mehr so einfach jeden Berg hinauf. Das macht aber nichts, dann schiebe ich eben.

Jedenfalls hat mir mein neuer zweirädriger Begleiter wieder so richtig den Spass und die Freude am Velofahren zurückgebracht. Ich spürte deutlich, dass ich nicht mehr «schnell» sein muss. Ich bin vielleicht kein typischer Velofahrer. Für mich ist velötschgen eine Kopfbefreiungssache. Es bedeutet durchlüften, sich befreien, alleine und mit sich zufrieden sein. Seither fahre ich total relaxt.

Gelbe Linien, Gullydeckel und Toleranz

Noch zufriedener und entspannter wäre ich, wenn überall am rechten Strassenrand getrennte Velospuren durch gelbe Linien markiert würden. Ausserdem wird die äussere Fahrbahnseite oft vernachlässigt. An vielen Orten ist sie kaputt und holprig. Wenn der Asphalt ab und zu ausgebessert würde, wäre schon viel geholfen. Daneben wäre es sinnvoll, wenn die Schlitze von Gullydeckeln nicht in Fahrtrichtung ausgerichtet wären.

Allgemein wäre es schön, wenn alle Verkehrsteilnehmenden, egal ob zu Fuss oder mit einem Verkehrsmittel unterwegs, mehr aufeinander achtgeben würden. Dann wäre alles viel gechillter und weniger aggressiv. Wenn es mir zu eng wird, zwinge ich Autofahrer manchmal dazu, mich zu sehen und mache mich breit. Dennoch ist Velofahren in meinen Augen nicht gefährlich. Man muss sich einfach konzentrieren, vorausschauend fahren und mitdenken.

Eines ist sicher. Hin und wieder gibt es diese besonderen Momente puren Glücks: Nach einem kräftezehrenden Job abends mit dem Velo auf einem Feld-Wald- und Wiesenweg dem Wasser entlang heimwärts gondeln. Weit weg urbaner Siedlungen oder Hektik. Das sind die unglaublich schönen Velomomente – dann ist das Leben besonders lebenswert!

Infobox:

Mischa Scherrer ist seit einigen Jahren für die Veloförderung des Kantons Zürich als Fotograf tätig. Dabei hält er gekonnt stimmige, dynamische Alltagsvelobilder von unseren Protagonistinnen und Protagonisten fest. Deshalb freut es uns besonders, die Velo-Geschichte des pendelnder Velo-Fotografen zu erzählen.

Da sich die Corona-Pandemie hartnäckig in die Länge zieht, steht Mischas Veloreise im Sommer 2021 zurzeit noch auf wackligen Beinen. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

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