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Livio Peterer, 36, Verkehrsplaner Ich fahre für mein Leben gerne Velo Aufgezeichnet von Sandra Hürlimann

Das Velo war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Meine Mutter meint, ich sei schon auf dem Velo gesessen, bevor ich richtig gehen konnte. Als Jugendlicher raste ich mit dem BMX durch den Wald. Später begann ich Mountainbike zu fahren, zwei bis drei Mal pro Woche während der letzten zwanzig Jahre. Heute ist das mit zwei kleinen Kindern klar weniger geworden. Andererseits ist das Velo in unserer Familie Verkehrsmittel Nummer eins. Ob Ausflüge, Einkäufe oder Kinder in die Waldspielgruppe bringen – wir bewältigen praktisch unseren ganzen Alltag mit Velo und Anhänger.

Ich mag diese kleine Auszeit zwischen Job und Familie.

Helm am Lenker

Wir besitzen kein Auto. Ich habe nicht einmal mehr ein ÖV-Abo. Denn seit ich letzten Frühling ein Rennvelo gekauft habe, bewältige ich meine 25 Kilometer Arbeitsweg oft auf dem Sattel. Ich mag diese kleine Auszeit zwischen Job und Familie. Hier kann ich abschalten und zur Ruhe kommen. Zudem habe ich so auch gleich Sport gemacht und meinen Bewegungsdrang gestillt.

Probeweise mit dem e-Bike

Im Moment teste ich mit einem e-Bike der Veloförderung des Kanton Zürichs, wie das Pendeln mit dem Velo im Winter ist. Und ich muss zugeben: die breiteren Pneus, das höhere Gewicht, Schutzbleche und Gepäckträger machen das e-Bike bei kaltem und nassem Wetter schon etwas alltagstauglicher als ein Rennvelo. Daheim lasse ich das E-Bike eigentlich kaum, auch bei Regen und Schnee nicht. Höchstens bei Eisglätte und wenn ich am Morgen früh eine Sitzung habe oder weiss, dass ich am Abend von einem Meeting direkt nach Hause gehen muss, nehme ich den Zug. Mit dem Rennvelo wäre ich höchstwahrscheinlich weniger konsequent. Nicht nur der widrigen Wetterverhältnissen wegen, sondern weil der Renner auch körperlich einiges mehr von mir abverlangt.

Ich habe das Glück, zwischen fünf verschiedenen Strecken aussuchen zu können, um von meinem Zuhause in Affoltern zu meiner Arbeit beim Amt für Verkehr des Kanton Zürichs zu gelangen. Die einen Strecken sind stärker befahren, dafür etwas schneller. Die anderen führen durch idyllische Landschaften und über einen Radweg, dauern aber etwas länger. Je nachdem wieviel Zeit ich habe und wie die Wetter- und Strassenverhältnisse sind, entscheide ich mich für diesen oder jenen Arbeitsweg.

Tempo ist nicht alles

Mit dem Rennvelo lege ich die Strecke in ungefähr 50 Minuten zurück. Mit dem e-Bike bin ich schneller. Falls von den Strassenverhältnissen und dem Verkehr bis zur grünen Welle alles passt, schaffe ich es unter 40 Minuten. Die Geschwindigkeit ist für mich nicht das Wichtigste. Ich geniesse vielmehr die Natur, die auf der Fahrt an mir vorbeizieht. Am Morgen sehe ich manchmal Füchse und am Abend viele Greifvögel. Einer der schönsten Momente war, als ein Uhu auf einem Pfosten neben der Strasse sass. Dieses Tier hatte ich noch nie in freier Wildbahn gesehen. Auch die Jahreszeiten erlebe ich durchs Velo-Pendeln viel intensiver. Man fühlt deutlich, wenn es kälter wird oder wenn wieder der Frühling naht und die Temperaturen allmählich steigen. Im Moment fällt mir vor allem auf, wie heller es am Morgen bereits wieder ist.

Gerade jetzt bei Minusgraden stellt man mir häufig die Frage, ob ich denn auf dem Velo nicht frieren würde? Ja, manchmal sind ersten 5 Minuten wirklich kalt – dennoch ziehe ich eigentlich relativ wenig an. Ein langärmliges Shirt, ein Fleece-Gilet, darüber eine Regenjacke. Ich bin ja ständig in Bewegung und das hält mich meistens ziemlich warm. Wenn ich an einer Bushaltestelle vorbeifahre, denken die Leute wahrscheinlich: «Spinnt der, bei der Kälte das Velo zu nehmen?» Aber ich glaube, sie frieren beim Warten mehr als ich.

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