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Leon Hostettler und sein Weg zum Velosophen

Leon Hostettler saugt Velo-Wissen auf wie ein Schwamm. Als Velomech hat er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Jetzt erweckt er alte Velos zu neuem Leben.

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Anfänge in der Schweiz

In meinem fünften Lebensjahr kam ich mit meiner Familie in die Schweiz. Meine Mutter war Schweizerin und mein Vater ist Indonesier, bis dann hatten wir in Indonesien gelebt. Wir sind ohne Auto aufgewachsen, daher war ich von klein auf mit dem Velo unterwegs.

Ich erinnere mich an mein drittes Velo, ein cooles, silbriges Arrow-Mountainbike. Es war das erste Velo, das mal gross genug für mich war. Endlich konnte ich am Sporttag richtig gut bergauf fahren, denn wir mussten immer auf die Lägern hinauf und wieder hinunter. Da ich in eher bescheidenen finanziellen Verhältnissen aufwuchs, kam es vor, dass wir uns eine Reparatur meines Velos auch mal nicht leisten konnten.

Trotzdem habe ich an meine Kindheit und Jugend die besten Erinnerungen, auch im Zusammenhang mit dem Velo. Es war toll, mit meinen Kollegen draussen zu sein und Velo zu fahren.

Vom Basketball zum Velofahren

Viele Jahre hatte ich ziemlich ambitioniert Basketball gespielt, mindestens viermal Training pro Woche und am Wochenende noch ein bis zwei Matches. Doch dann, im Teenageralter, zog ich mir eine Fussverletzung zu. Es hätte eine Operation gegeben, die man hätte machen können, doch die war hochriskant und hätte den Zustand meines Fusses noch verschlimmern können. So musste ich Basketball schweren Herzens aufgeben.

Ich suchte nach einem neuen Sport für mich. Meine Mutter hatte dann die Idee und schlug vor, ich sollte es doch einmal mit Mountainbiken versuchen. Das war zur selben Zeit, als ich mich auch mit der Lehrstellensuche auseinandersetzen musste. So kam erstmals die Idee auf, dass der Beruf des Velomechanikers vielleicht etwas für mich sein könnte.

Mich interessieren vor allem die Geschichten hinter den Velos.

Vom Mannschaftssport zum Einzelsport

Es war eine grosse Umstellung: von einem intensiven Mannschaftssport zu einer Einzelsportart. Doch es gefiel mir sehr, mal nur mit mir und vor allem draussen in der Natur zu sein und nicht immer in einer Halle.

Schliesslich absolvierte ich dann tatsächlich eine Lehre als Velomechaniker, ein unglaublich vielseitiger Beruf. Man macht alles vom Reparieren, Neuaufbauen bis hin zur Kundenberatung. Ich hatte einen guten Lehrmeister, der mir einen grossen Grundstock an Velowissen mit auf den Weg gegeben hat.

Durch mein neues Hobby und durch meinen Lehrmeister wurde ich mit dem Velovirus angesteckt, und seither ist das Velo nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Ich konnte während meiner Laufbahn schon so viel erleben und wertvolle Erfahrungen sammeln. Mich interessieren vor allem die Geschichten hinter den Velos. Ich sauge Velowissen auf wie ein Schwamm, ich kenne mich mit Jahrgängen und geschichtlichen Zusammenhängen aus, kann aber auch zu Ergonomie und Herstellung beraten. Mein jetziger Arbeitgeber hat mich auf der Firmenwebseite sogar als «Velosophen» betitelt!

Tolle Geschäftsphilosophie und Freiheit pur

Bei meinem Arbeitgeber Marvelos in Baden gefällt es mir sehr gut. Angefangen bei der Geschäftsphilosophie bis zu den vielen Kundinnen und Kunden, die kommen, um ihr altes Velo reparieren oder restaurieren zu lassen und nicht immer gleich, um ein neues aus Carbon zu kaufen.

Velofahren ist für mich pure Freiheit! Ich sehe das Velo als das beste Fortbewegungsmittel. Ich schätze daran, dass man, wenn man nur mit dem Velo unterwegs ist, automatisch anfängt regional zu denken. Das geht hier in der Schweiz wirklich gut. Mir ist aber auch bewusst, dass nicht jeder sein Leben so gestalten kann. Für mich ist es ein Privileg.

Wunsch nach mehr Pumpstationen

Ich bin kein grosser Kritiker, wenn es um die Veloinfrastruktur geht. Was wir in der Schweiz haben, ist Luxus. Wenn ich es aber zum Beispiel mit Deutschland vergleiche, fällt mir auf, dass es dort oft von der Strasse abgetrennte Velowege gibt. Das schafft Sicherheit. Von älteren Menschen höre ich immer wieder, dass sie nicht gerne auf der Strasse Velo fahren. Das macht ihnen Angst, da fühlen sie sich nicht wohl. Dem sollte man Rechnung tragen.

Wenn ich mir aber etwas wünschen könnte, dann wären das mehr öffentliche Pumpstationen an strategisch geschickten Orten! Das fände ich richtig gut.

Mountainbike, Rennvelo und E-Bikes

Wenn ich mir überlege, dass plötzlich alle Menschen nur noch Velo fahren würden, dann wäre das eine Art Traumwelt, aber auch schön, weil dann nicht jeder in seiner isolierten Kammer vor sich hinfährt, es entstünde eine neue Gemeinschaft.

Früher besass ich noch ein BMX und ein Mountainbike, doch nach einer Rückenoperation ist es zu riskant geworden, und ich musste das Mountainbiken und Downhillen leider aufgeben. Jetzt fahre ich vor allem Rennvelo und ein Cargovelo. Mit meinem Rennvelo fahre ich schon mal Touren von 150 Kilometern am Tag.

Ich bin auch immer wieder beeindruckt, wenn ich von älteren Menschen höre, die immer noch viele Kilometer zurücklegen. Die sagen jeweils: «Wenn nie ufhörsch, denn gaht das!» Darum ist es mir wichtig, so lange wie möglich ohne E-Unterstützung zu fahren. Aber für manche Leute ist ein E-Bike natürlich ein Segen und genau das Richtige.

Positiver Nebeneffekt und nützliche Velomech-Skills

Als ich noch Mountainbike fuhr, ging ich einmal mit Kollegen in die Bikeferien in den Kanton Graubünden. Da haben wir Gämsen gesehen und viele Sonnenaufgänge erleben dürfen. Ich habe unzählige, einmalig schöne Orte entdeckt, die mir ohne Velo vermutlich entgangen wären.

Dass Velofahren gut für die Umwelt ist, ist für mich ein schöner, positiver Nebeneffekt. Ich beschäftige mich nicht stark damit, aber es ist gut. Ich mache mir vor allem viele Gedanken oder besser Sorgen, was zum Beispiel mit all den Lithiumbatterien passiert, die heutzutage verwendet werden. Was ist, wenn die in 30 Jahren alle verbraucht sind…?

Was ich auch sehr schön finde, ist, dass ich mit meinen Velomech-Skills oft helfen kann. Das mache ich sehr gerne. Für meine Freunde repariere ich deren Velos, und sie müssen dann nur das Material bezahlen. Dabei bekomme ich viel Dankbarkeit zurück.

Zukunftsgedanken und neue Ausbildung

Als meine Mutter vor ein paar Jahren starb, war das eine schwere Zeit für mich. Ich war eine Zeit lang leicht depressiv und habe vieles hinterfragt und auch viel über meine Zukunft nachgedacht. Dabei wurde mir klar, dass ich nebst meinem Beruf als Velomech gerne auch Menschen helfen würde.

Ich überlegte, ob ich soziale Arbeit studieren soll, bin dann aber auf die Ausbildung für Körperzentrierte Psychologische Beratung gestossen. Seit Mai bin ich nun in der Ausbildung und finde es unglaublich spannend. Die Schule ist in Zürich, und ich fahre oft mit dem Velo von Baden aus dorthin. Ich schaffe den Weg in ca. 40 Minuten.

Für die Zukunft kann ich mir gut vorstellen, 50 Prozent als Velomech und 50 Prozent als Berater für Körperzentrierte Psychologische Beratung zu arbeiten. Die Idee ist es, dann mit meiner Schwester eine Praxis zu teilen. Sie ist aktuell in der Ausbildung zur Shiatsu-Therapeutin.

Freizeit und Kreativität

In meiner Freizeit mache ich viel Musik, vor allem elektronische Musik. Das ist für mich wie Nahrungsergänzung und ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens, wie das Malen auch. Ich bin ein kreativer Mensch.

Meiner Frau habe ich zur Hochzeit übrigens ein Rennvelo geschenkt. Jetzt freue ich mich sehr vom alleine Velo fahren wieder überzugehen in ein gemeinsames Velo fahren mit ihr.

Sonst gehen wir gerne auch mit Freunden weg, im Sommer zum Beispiel zum Grillieren. Dabei packe ich unseren Lotusgrill auf mein Cargovelo, und los geht es – das ist immer für alle ein Highlight!

Doch jetzt freue ich mich erstmal auf die gemeinsamen Ausfahrten mit meiner Frau.

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