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Jonas Schmid, 33, Maschinenbau-Ingenieur ETH

Beim Bergauffahren habe ich oft gute Gedanken und Ideen.

Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

Meine «Velo-Sozialisierung» begann recht früh. Meine Eltern fuhren viel mit dem Velo, besonders in der Stadt. Es war mir schnell klar, dass Velofahren in der Stadt sinnvoll ist. Da spielt auch der Umweltgedanke mit rein. Ursprünglich komme ich aus der Nähe von Stuttgart und zog für das Studium an der ETH nach Zürich. Die Idee war es, den Bergen mit ihren Möglichkeiten, ein Stück näher zu sein.

Am Anfang war es völlig ungewohnt, auch mal das Tram zu nehmen. Ich laufe selten, das würde mir nicht in den Sinn kommen. Ich fahre eigentlich immer Velo. Das Velo ist mein Transportmittel Nummer 1, sowohl in der Freizeit, als auch im Alltag. Ich fahre einfach gerne und bei jedem Wetter. Velofahren ist praktisch, effizient und macht mir unglaublich viel Spass.

Viele kurze Distanzen in der Stadt

Ich tracke meine Strecken nicht, die ich fahre. Allerdings denke ich, kommt da einiges zusammen. Ich fahre wahnsinnig viel in der Stadt, vorwiegend kürzere Distanzen. Da werden sich übers Jahr gesehen einige Kilometer aufsummieren. Im Sommer fahre ich mindestens zweimal pro Woche mit einem Freund auf den Uetliberg, um auf den Trails dort zu fahren. Das allein sind jedes Mal 14 Kilometer. Besonders beim Bergauffahren habe ich oft gute Gedanken und Ideen. Beim Runterfahren entsteht dann so ein Flow-Moment, der einfach riesig Spass macht.

Mein erstes Velo bekam ich von meinen Grosseltern geschenkt. Das war damals einfach das Grösste für mich. Wir machten auch viele gemeinsame Velotouren mit der Familie. Und da ich unweit der Schwäbischen Alb wohnte, die gewisse Ähnlichkeit mit dem Jura hat, habe ich mit Kumpels auch bald einmal mit Biken angefangen. Einer meiner Freunde wohnte auf einem Bauernhof. Dort haben wir Schanzen gebaut und Sprünge geübt.

Schlüsselmoment Mountainbike-Bausatz

Mit 15 Jahren kaufte ich mir einen Bausatz für ein einfaches Hardtail Mountainbike. Im Wohnzimmer der Eltern breitete ich sämtliche Teile aus. Ich dachte, das schraube ich in einem Tag zusammen. So schnell ging das allerdings dann doch nicht. Es war komplizierter als gedacht. Bis dahin hatte ich noch nie gross an einem Velo herumgeschraubt. Es gefiel mir, ein bisschen herum zu «mechen». In dem Alter sollte möglichst alles cool sein. Da ging es noch nicht um Aerodynamik oder möglichst leichte Bauteile. Das kam erst viel später. Trotzdem würde ich das Zusammenbauen des Hardtail Mountainbikes als Initialzündung für meine Velobegeisterung bezeichnen. Das hat etwas in mir ausgelöst.

Ich hatte auch nie die Absicht, einmal beruflich etwas mit Velos zu machen. Das ergab sich so während dem Maschinenbau-Studium an der ETH. Damals arbeitete ich mit meinem Kollegen an einem Projekt für ein voll verschaltes, aerodynamisches Tandem. Ziel war es, herauszufinden, was man nur mit Muskelkraft, Leichtbau und Aerodynamik erreichen kann. Wir wollten einen Geschwindigkeitsweltrekord aufstellen, was uns auch gelungen ist. Die Fahrer haben damit 83 km/h geschafft.  Dieses Tandem stand dann längere Zeit im Verkehrshaus Luzern.

Ich habe Velofahren einfach nie satt, es wird mir nie zu viel.

Von der Idee bis zum fertigen Produkt – ein magischer Velomoment

Aus dem Projekt entstand die Radiate Engineering, wo ich jetzt arbeite. Wir entwickeln Leichtbauteile für Velos, seien es Räder oder Rahmen, alles superleicht und aus Carbonfasern, aber dennoch äusserst stabil. Auch die Entwicklung von zivilen Drohnen gehört zu unserem Fachgebiet. Es ist für mich sehr bereichernd, ein Produkt von der Idee, über die Entwicklungsphase, bis hin zur Produktion begleiten zu können. Am Schluss etwa ein fertiges Rad in Händen zu halten, das sind unvergessliche Momente.

Dass man beim Velofahren durchaus etwas Gutes für die Umwelt tut, ist ein positiver Beigeschmack. Doch wir bei Radiate denken auch stetig darüber nach, wie man die Kette noch weiterführen könnte. So viele Veloteile werden in Asien produziert und um die halbe Welt verschifft. Dass die Leute Velo fahren, ist toll. Doch die Velos selbst sollten ebenfalls umweltfreundlicher und lokaler produziert werden können. Oft ist das Recycling der Carbonteile schwierig. Und was macht man mit alten Akkus von e-Bikes? Das Produktionsland der Velos sollte eine zentralere Rolle spielen. Die ganze Produktion wieder vermehrt nach Europa zu bringen, das wäre sehr erstrebenswert. All das sind die Herausforderungen, für die wir täglich Lösungen suchen.

Velo-Zukunft = Modularität, Niederschwelligkeit, Alltagstauglichkeit sowie Digitalisierung

Ein wichtiges Stichwort ist hier auch die Modularität: E-Bikes werden sich sicher noch weiterentwickeln. E-Velos sind auf verschiedenen Ebenen sehr praktisch und bieten im Alltag viele Möglichkeiten. Besonders im Bereich Pendlervelos, sprich S-Pedelecs, werden sich Formen mit gewissem Komfort und Geschwindigkeit etablieren. Die Digitalisierung wird auch vor dem Velo nicht Halt machen, und so werden diese immer komplexer. Es wird wohl auch immer mehr Hybridformen geben, die klassische Unterscheidung, was noch als Velo gilt, verschwimmt zusehends. Man denke nur mal an die Rikscha-Taxis. Vieles im Bereich E-Bike sollte generell niederschwelliger werden. Besonders im urbanen Bereich könnte ich mir gut vorstellen, dass es eine Art zentrales Akku-Tauschsystem geben wird. Dort kann man seinen leeren Akku vorbei bringen und einen geladenen mitnehmen. Niemand müsste mehr eigene Akkus besitzen, sondern könnte diese nur noch benutzen.

Der Zugang zu Velos sollte möglichst niederschwellig gestaltet werden. Ein gutes Beispiel dafür sind die Publibikes. Die Velos könnte man zudem wesentlich besser in den öffentlichen Verkehr integrieren. Es muss einfacher werden, das Velo mitzunehmen, sei es im Zug oder im Tram. Vieles ist schon auf sehr gutem Weg. Doch das Velothema hat noch viel mehr Potenzial, denn das Velo ist unglaublich wandelbar. Im Bereich der Cargobikes wird sicher auch noch einiges passieren. Sie werden leichter und kompakter. Dadurch werden sie automatisch viel alltagstauglicher. Ich bin mir sicher, dass ich ein solches Gefährt oft nutzen würde.

Beruf, Freizeit und Leidenschaft im Einklang

In meinem Job kann ich selbstständig arbeiten und kreativ sein. Das ist mein persönlicher Reichtum. Das Velofahren habe ich einfach nie satt, und es wird mir nie zu viel. Besonders Mountainbiken übt eine grosse Faszination auf mich aus und vermag mich immer wieder aufs Neue zu begeistern und in seinen . Das ist mein grosses Glück, das machen zu können, was mir Spass macht und mir guttut, sowohl bei der Arbeit, als auch in meiner Freizeit.

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