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Jolanda Riedweg, 45, Informatikerin und Langstreckenbikerin Bei Minus zehn Grad montiere ich die Spikes an mein Bike. Aufgezeichnet von Christian Nill

Schuld war eigentlich Onkel Ruedi. Seit ich denken kann, fuhr er Velo – Rennvelo. Manchmal gingen wir an seine Rennen und jubelten ihm zu. Das beeindruckte mich sehr. Ich bewunderte ihn für seine sportliche Leistung. Vermutlich hat es auf mich abgefärbt, dass ihm das Velorennfahren so viel Spass machte. Und das faszinierende ist: Onkel Ruedi ist noch immer auf seinem Renner unterwegs, einfach zum Spass. Immerhin ist er jetzt 70!

Schon als vierjähriges Mädchen lernte ich Velofahren mit Stützrädli. Ich bin in Dietikon aufgewachsen und durfte bald allein mit dem Velo zur Schule. Zehn Minuten hin, zehn Minuten zurück. Das ging schnell und war praktisch. Aber trotz Onkel Ruedi wollte ich ein normales Fahrrad. Erst viel später, als mein Partner und ich uns ein Rennrad kauften, kam ich richtig auf den Geschmack. Es fühlt sich jedes Mal aussergewöhnlich an, wenn ich drauf steige. Es ist bloss sechs, sieben Kilos leicht. Nur halb so schwer, wie mein Mountainbike.

Velofahren bedeutet für mich, frei zu sein

Jolanda Riedweg auf dem Weg zur Arbeit mit ihrem Mountainbike

Wenn ich mir heute überlege, weshalb ich diese Leidenschaft fürs Velofahren habe, fallen mir ein paar Dinge ein. Da ist zum einen das Gefühl der Unabhängigkeit und der Freiheit. Wenn ich mit dem Velo zur Arbeit in die Stadt fahre, dann muss ich nie aufs Tram oder den Zug warten. Ich habe wärmer als im ÖV, weil Fahrradfahren gibt nun mal warm. Bin ich mal mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs, muss ich erst zum Bahnhof gehen, warten, in die zügige S-Bahn sitzen, wo ich oft friere, und später noch vom Bahnhof ins Büro laufen.

Velofahren im Alltag

Ich pedale bei jedem Wetter und bei jeder Temperatur ins Büro. Dafür gibt es ja gute Kleidung. Klar braucht es am Anfang kurz Überwindung. Aber nach einem Augenblick bin ich in meinem Element. Im vorletzten Jahr fuhr ich einmal bei minus zehn Grad zur Arbeit. Aber dank Zwiebel-Look und hochmoderner Funktionsausrüstung ist das kein Problem. Ich habe eine erstklassige Hose, die an der Vorderseite mit Windblockern ausgestattet und auf der Rückseite sehr dünn ist. Sie fängt die Kälte und den Wind locker ab. Und wenn es Glatteis hat montiere ich meine Spike-Räder: Pumpt man diese normal auf, sind sie fast wie gewöhnliche Reifen. Lässt man aber etwas Luft entweichen, beginnen die Spikes im Glatteis zu greifen.

Täglich gratis Sport – dank dem Velo

Ein weiterer Grund, weshalb ich mich ins Velofahren verliebt habe: ich komme unkompliziert zu meiner täglichen Sporteinheit. Das ist mir wichtig! Wenn ich abends nach der Arbeit wieder zu Hause ankomme, habe ich bereits 16 Kilometer in den Beinen. Mein Partner Ralf handhabt das genau gleich. Dabei war ich diejenige, die damit angefangen hatte. Als wir uns vor zehn Jahren kennen lernten, rauchte er noch. Eines Tages gingen wir in ein Fahrradgeschäft, weil ich ein neues Bike kaufen wollte. Wir verliessen den Laden beide mit einem neuen Bike, und seither ist das unser Ding. Zu Beginn bin ich ihm noch um die Ohren gefahren, das hat sich in der Zwischenzeit leider geändert.

Leidenschaft Bike-Marathon

Vor fünf Jahren haben wir die Bike-Marathons für uns entdeckt. Es begann mit dem Iron Bike Race Marathon in Einsiedeln. Ralf wollte unbedingt einen Marathon fahren und motivierte mich, es doch auch einmal zu probieren. Challenge accepted! Ich wollte einfach wissen, wie fit ich bin und ob ich es schaffe, so lange am Stück im Sattel zu bleiben. Mein Marathon dauerte rund fünf Stunden – und es ging mir gut dabei. Man ist nie alleine. Es ergeben sich immer wieder schöne Momente, kurz mal mit einem anderen Biker plaudern, kurz in der gleichen Geschwindigkeit in die Pedale treten, toll. Und vor allem: In unserer Altersklasse gibt es keinen Konkurrenzdruck mehr. Wir sind alle sehr locker und nett untereinander.

Unterdessen fahren wir mehrere Marathons pro Jahr: Der Ortler Bike Marathon im Südtirol und das Iron Bike Festival in Ischgl, Österreich. Dort fahren nur wenig Frauen mit, da sehr viel Höhenmeter zu bewältigen sind. Auf 75.8 Kilometer kommen in der härtesten Kategorie „Hard“ 3‘700 Höhenmeter! Aber das Erlebnis ist einmalig. Wenn man endlich oben über den Berg kommt, gelangt man auf die Schweizer Seite. Und dort sind schöne Trails, die man mit dem MTB befahren darf. Die beiden letzten Marathons absolvieren wir dann in der Schweiz, die O-Tour in Alpnach, Obwalden und das Iron Bike Race in Einsiedeln. Letztes Jahr wurde ich am Einsiedler sogar Vierte! Und das in einer Kategorie, in der diverse Frauen mitgefahren sind, die früher professionell Sport betrieben haben. Darauf bin ich schon ziemlich stolz. Auf unserer Liste stehen bereits weitere Bike-Marathons, zum Beispiel der Nationalpark Bike-Marathon. Dieser soll wunderschön sein.

Weniger Ego, dafür mehr miteinander – das wäre toll!

Ein weiterer Grund für meine Passion: Velofahren ist einfach herrlich! Man ist draussen in der Natur, ungebunden und entdeckt immer wieder fantastische Orte. Zum Glück fühle ich mich sicher auf der Strasse. Zumindest sicher genug. Da ich selber auch Auto fahre, weiss ich, worauf ich achten muss, wenn ich mit dem Bike unterwegs bin. Leider ist es schon so, dass einige Autofahrer abgelenkt sind. Sie beschäftigen sich mit ihrem Handy, achten nicht auf den Vortritt, besonders, wenn sie rechts abbiegen, oder sie fahren rückwärts aus einem Parkplatz, ohne sich genügend abzusichern. Da muss man als Velofahrer stets aufmerksam sein.

Darum habe ich meine Route an meinen Arbeitsort gut geplant: viele Nebenwege mit wenig Autoverkehr oder mit Velowegen. Ich wünschte mir natürlich schon, dass die Velowege durchgängig wären! Überraschend querende Fussgängerstreifen oder Mischverkehrslösungen, wo sich Velofahrer und Fussgänger den Platz streitig machen, sind eher abschreckend. Grundsätzlich fände ich es schön, wenn alle Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer wieder mehr Verständnis füreinander hätten. Weniger Ego, dafür auch wieder vermehrt ein Mit-, statt ein Gegeneinander. Das wäre schön.

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