Ein holpriger Start
Meine Velofahrgeschichte startete etwas dramatisch: Als Vierjährige brach ich mir nach einer Schussfahrt mit dem Dreirad das Schlüsselbein. Ein grosses Velo bekam ich als Kind nie, da meine Eltern sehr ängstlich waren und es viel zu gefährlich fanden. Natürlich wollte ich trotzdem Velofahren lernen und lieh mir dafür ein Velo von Freunden. So richtig gelernt habe ich das Velofahren an den autofreien Sonntagen 1973, damals, während der Ölkrise.
Das erste eigene Velo
Mit 14 setzte ich mich dann durch. Ich ging babysitten. Um vernünftig dorthin zu gelangen, brauchte ich ein Velo. Das Geld für mein erstes, eigenes Velo mit sieben Gängen, sparte ich mir zusammen. Seither hatte ich eigentlich immer ein Velo – es hat einfach dazugehört. Manchmal fuhr ich per Autostopp nach Zürich, danach aber immer mit dem Velo.
Zwischen Frühschiff und Unispital
Mit meiner Erstausbildung als Medizinische Laborantin arbeitete ich am Unispital. Für meinen Arbeitsweg nahm ich in Thalwil jeweils das Frühschiff, damals auch «Gipfelischiff» genannt. Das Velo kam mit aufs Schiff; in Zürich fuhr ich damit dann zum Unispital und am Feierabend den ganzen Weg zurück nach Thalwil. Das machte ich mindestens zweimal pro Woche.
Einsätze im Ausland
Später zog es mich für mehrere Einsätze mit dem Katastrophenhilfekorps des Roten Kreuzes ins Ausland. Erst war ich in Uganda. Dort sorgten wir für die Sicherheit und die medizinische Versorgung in einem Flüchtlingslager und der lokalen Bevölkerung. Dann war ich noch in Kambodscha, zehn Jahre nach dem Krieg; die Situation war immer noch sehr angespannt. Dort war ich eigentlich ständig in Begleitung, eine Art Personenschutz. Es war sehr gefährlich, denn das ganze Land war vermint. Nebst der Arbeit war ich sehr isoliert von der Bevölkerung.
In Kambodscha fuhren wir tatsächlich auch Velo – allerdings nie ohne einen einheimischen «Vorfahrer», der genau wusste, wo man fahren durfte und wo es noch Minen gab. Dasselbe galt auch für Autofahrten: Es brauchte stets eine Bewilligung und ein Vorfahrzeug. Sogar der Zugverkehr war gefährlich – die vordersten Wagen waren immer gratis, weil dort das Risiko am grössten war, über ein Minenfeld zu fahren. Das war eine verrückte Zeit. Später, nach der Befreiung Namibias von Südafrika, war ich dann dort in Buschmannland im Einsatz.

Vom Labor zur Sozialarbeit
Nach einiger Zeit in meinem erlernten Beruf als Medizinische Laborantin absolvierte ich ein Studium in Sozialer Arbeit und begann auf dem Sozialamt in Thalwil zu arbeiten. Da arbeitete ich so nahe bei meinem Zuhause, dass ich stets zu Fuss ging – mir aber immer einen etwas längeren Arbeitsweg wünschte, um nach der Arbeit besser Abstand zu gewinnen von den schwierigen Schicksalen und Lebensgeschichten der Menschen, die ich betreute. Nach ein paar Stellvertretungen in verschiedenen Sozialdiensten, wechselte ich dann zum Sozialamt in Zürich, was mir den gewünschten Abstand mittels Arbeitsweg verschaffte.
Vom Bio-Bike zum E-Bike
Dort hatte ich einen Arbeitskollegen, der jeden Tag von Wettingen mit dem Velo zur Arbeit kam – und ich dachte mir: Das kann ich auch! Ich fuhr dann erst mit dem Bio-Bike nach Zürich, aber das machte keinen Spass, denn der Weg war einfach zu weit. Obwohl mein Partner mir schon fünf Jahre zuvor ein E-Bike schenken wollte, wehrte ich mich vehement: die Vorteile waren zu gross. Meine Cousine sagte immer, dass E-Bike-Fahren glücklich mache – ich dachte, sie übertreibe.
Schade, ist man auf dem Velo meist alleine unterwegs und kann die besonderen Augenblicke mit niemandem teilen.
Schliesslich brachte mich «Bike to work» 2017 aufs E-Bike; ich wollte es einfach einmal ausprobieren. Vorher hatte ich mir noch ein neues Zug-Jahres-Abo gekauft. Ich fuhr genau dreimal damit – dann liess ich den Rest verfallen, weil E-Bike-Fahren einfach so toll ist. Es gibt mir die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wann ich will. Ich komme nie in den Stress, vielleicht den Zug oder Bus zu verpassen oder mich an Fahrpläne halten zu müssen. Die frische Luft sorgt dafür, dass ich nichts mehr von der Arbeit nach Hause trage und den Kopf freihalten kann.
Alltag auf zwei Rädern
Pro Tag sitze ich mindestens anderthalb Stunden auf dem Velosattel. Mein Arbeitsweg ist – je nach Route – etwa 12,2 Kilometer lang, dafür brauche ich ungefähr 40 Minuten. Während dieser Zeit auf dem Bike und bei moderatem Tempo habe ich den Luxus, viele schöne Dinge zu entdecken. Zu diesen einzigartigen Erlebnissen zählen für mich besondere Beobachtungen: ein seltener Vogel, ein Eichhörnchen oder der Sonnenaufgang über Kilchberg. Ich halte oft kurz bei der Kirche an, um in die Berge zu schauen. Ein echter Kraftort – dort habe ich auch schon die schönsten Regenbögen gesehen. Schade ist nur, dass man auf dem Velo meist allein unterwegs ist und diese besonderen Augenblicke mit niemandem teilen kann.

Bei jedem Wetter unterwegs
Ich fahre konsequent mit dem Velo – bei jedem Wetter. Die Wetter-App ist mein ständiger Begleiter. Ich habe gute Regenkleidung, Regenschuhe und eine Leuchtweste, bin also vollständig ausgerüstet. Im Schnitt gibt es etwa drei Tage pro Jahr, an denen mir Eis und Schnee einen Strich durch die Rechnung machen und ich auf die öffentlichen Verkehrsmittel ausweichen muss. Oft sind dann die Velowege nicht gepfadet, und es liegen grosse Schneehaufen dort.
Vom Diebstahl und vom Durchhalten
Leider wurde mir schon dreimal mein E-Bike gestohlen – jedes Mal ein Drama. Einmal haben wir dank einer Suchaktion im Dorf das Bike wieder gefunden. Sogar aus der eigenen Garage wurde es mir schon entwendet. Jetzt, mit E-Bike Nummer drei, bin ich sehr glücklich – und fuhr damit schon 34’000 Kilometer. Und ja: Auch ich gehe im Herbst damit zum Pneuwechsel!
Sicher unterwegs
In meiner Funktion als Sozialarbeiterin bin ich auch als Beiständin tätig. Das heisst, ich besuche Klientinnen und Klienten auch mal zu Hause oder im Heim. Meine Wege führen mich dabei sogar bis ins Zürcher Oberland, mit dem Zug und dem E-Bike für die Heimfahrt kein Problem. Was ich am E-Bike einfach so lässig finde: Man kann mühelos am Rotlicht wieder anfahren, ohne «chnorzen» zu müssen oder Angst zu haben, dass die Kette reisst. Es vereinfacht vieles! Auf meinen Wegen fühle ich mich recht sicher. Im Winter habe ich einfach Respekt vor vereisten Brücken. Angst machen mir vor allem Fussgänger, die unvermittelt auf die Strasse treten, oder Autofahrer ohne Blinker und mit Blick aufs Handy. Wenn ich eine Tramlinie überquere, halte ich vorher immer bewusst an, schaue mich um und fahre erst dann drüber.
Velovielfalt und Verkehr
Was mir auch auffällt, ist eine Art Konkurrenz zwischen normalen E-Bikes, Sportvelofahrenden, S-Pedelec- und Bio-Bike-Fahrenden. Ich finde es problematisch, dass sich alle denselben engen Velostreifen teilen müssen, obwohl ganz unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen. Der Bürkliplatz und auch der Bucheggplatz sind solche Knotenpunkte.
Ein Leben mit dem Velo
Das Velofahren hat einen festen Platz in meinem Tagesablauf – es gibt mir Struktur. Die anstehende Pensionierung in diesem Jahr bereitet mir deshalb etwas Bauchweh. Ich mache mir Sorgen, dass ich dann nicht mehr zu genügend Aktivität und Bewegung komme. Ich hoffe, ich finde einen Weg, das zu kompensieren. Zum Glück habe ich noch einen grossen Schrebergarten. Vermutlich werde ich dort mehr Zeit verbringen. Mein Partner und ich nehmen die Velos auch gerne mit in die Ferien, etwa nach Italien. Vielleicht können wir dann vermehrt gemeinsame Veloreisen oder Veloferien machen.
Pedalenergie fürs gute Gewissen
Übrigens habe ich einmal gehört – weiss aber nicht, ob es stimmt –, dass es etwa die Energie von einmal Wäschetrocknen im Tumbler braucht, um den Akku eines E-Bikes für einen ganzen Monat zu laden. Das finde ich grossartig! Jedenfalls: Wenn man selbst pedaliert, lohnt es sich immer – und man muss nie ein schlechtes Gewissen haben. Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zu viel Werbung gemacht – denn wer das Velofahren oder E-Bikefahren ausprobiert, wird schnell merken, dass es glücklich macht.









