«Seit zwanzig Jahren lebe ich in Zürich. Und wenn ich ehrlich bin, begleitet mich das Velo schon mein ganzes Leben. Die allererste Erinnerung? Mein Vater, wie er hinter mir herläuft, eine Hand am Sattel und ich noch wacklig – überzeugt, dass er mich noch hält. Natürlich hat er längst losgelassen. Ich drehe mich um – und lande im Dreck. Der Klassiker. Aufgewachsen bin ich in Brandenburg vor den Toren Berlins. Viel Platz, wenig Verkehr, praktisch kein ÖV. Hier war das Fahrrad Alltag, nicht Lifestyle.
Durch die Pampa von Brandenburg
Mein Vater war Marathonläufer und Radfahrer, ein Bewegungsmensch durch und durch. Er hat mir nicht nur das Fahren beigebracht, sondern mir auch mein erstes richtiges Rennvelo gekauft – so ein schnittiger Peugeot-Flitzer aus dem Westen; ja, Brandenburg lag damals noch im Osten. Schwer war das Velo vermutlich schon. Aber in meiner Erinnerung war es ein Sportwagen auf zwei Rädern. Mit ihm bin ich oft allein mit Papa durch Brandenburg gefahren. Meine zwei älteren Schwestern hatten längst anderes zu tun, aber für mich war es Freiheit und gemeinsame Zeit.
Weil es auf dem Land keinen Bus gab, bin ich jeden Tag mit dem Velo zur Schule. Bei Wind und Wetter, mit Ranzen auf dem Rücken und auf Strecken, die zu Fuss eine halbe Ewigkeit gedauert hätten. Nur bei 20 Zentimeter Neuschnee musste ich laufen – und hoffte dabei jeweils, dass es schnell taut.
Zwischenhalt Berlin
Mit 16 zog ich nach Berlin zu einer Schwester in eine Wohngemeinsschaft. Berlin war damals alles mögliche, aber sicher nicht velofreundlich. Viel Verkehr, viel Beton, keine Infrastruktur. Trotzdem blieb das Velo ein Teil meines Lebens, vielleicht etwas mehr im Hintergrund, aber nie ganz weg.
Richtig zurück kam es erst mit 27 und dem Umzug nach Zürich. Meinem Mann sagte ich damals: «Ich ziehe nur in ein Quartier, das flach ist.» Damals zog es uns in den Kreis 4. Heute wohnen wir allerdings oben beim Bucheggplatz. Da ist nichts mehr flach. Ohne e-Bike wäre das gar nichts für mich. Aber dank dem Elektroantrieb und Akku ist die Stadt wieder flach geworden.
Mit dem e-Bike ist die Stadt wieder flach.
Wenn ich von Velo-Leidenschaft spreche, dann meine ich eigentlich Liebe. Mein Velo gehört zu mir, wie andere ihr Auto haben. Ich erledige fast alles damit: Einkaufen, Kinder organisieren, arbeiten, Freunde treffen. Ich mache meinen gesamten Alltag auf zwei Rädern. Samstags fahre ich nach Oerlikon auf den Markt, fülle den Korb mit Gemüse, Brot und mit allem, was man so mitnimmt. Danach mache ich noch kurz ein Abstecher in den Supermarkt. Mein Lastenesel (er-)trägt alles – im wahrsten Sinne. Es hat was meditatives, allein über den Markt zu schlendern, während Mann und Teenager zuhause noch schlafen.

Mein Velo gehört mir!
Zweimal wurde mir in Zürich ein Velo gestohlen. Das trifft mich persönlich – nicht materiell, sondern innerlich. Ein drittes Mal hat jemand versucht, mein e-Bike zu knacken – ausgerechnet an der Bahnhofstrasse, vor dem Juwelier Kurz, mitten am Mittag. Das Schloss halb durchgedreht, Sattel rausgezogen, viele Menschen, die vorübergingen – aber niemand reagierte. Das war mir richtig unangenehm. Seither weiss ich: Mein Velo ist ein Teil von mir.
Was macht die Faszination des Radfahrens für mich aus? Freiheit und Unabhängigkeit. Ich hasse es, auf ein Tram zu warten, wenn ich in derselben Zeit schon halb am Ziel wäre. Am liebsten ist mir der Moment am Morgen, wenn die Stadt gerade aufwacht und ich losfahre – Fahrtwind, frische Luft, das Gefühl, schon in Bewegung zu sein, bevor der Tag richtig beginnt. Velofahren bedeutet auch: Räume befahren können, die anderen verschlossen sind. Mein Lieblingsweg führt oben am Bahnviadukt entlang. Dort komme ich zur Arbeit, fast allein, vorbei an Hündelern und stillen Gleisen, mit freier Sicht über die Stadt. Ein besonderer Raum.
Highlight im Velo-Züri
Im Alltag bin ich eher vorsichtig unterwegs. Ich fordere meinen Vortritt nicht ein, wenn ein LKW kommt. Ich warte lieber einige Sekunden, als unter die Räder zu kommen. In Zürich gab es in den letzten Jahren grosse Fortschritte. Der Velotunnel unter dem Hauptbahnhof ist ein Highlight! Ich hoffe, der Viaduktweg wird bald über die Gleise verlängert. Das wäre für mich die perfekte Verbindung.
Natürlich gibt es schwierige Stellen: Central, Bellevue, Walche – da, wo man plötzlich im Verkehr landet oder am autofreien Limmatquai, wo man von Touristen umgerannt wird. Im Sommer laufen viele fast blindlings über die Strasse, da autofrei für sie gleichzeitig velofrei bedeutet. Da fahre ich bewusst langsamer. Auch auf der Hardbrücke bin ich beonders aufmerksam: ÖV, Fussgängerinnen, Velofahrende und alles gleichzeitig aus allen Richtungen.
Pro Woche fahre ich etwa zehn Stunden Velo, mal mehr, mal weniger. Den ÖV nutze ich gern als Ergänzung; in der Schweiz ist das Netz im Vergleich zu meiner Herkunft geradezu luxuriös. Aber mein Alltag ist velobasiert. Seit zwanzig Jahren bin ich ohne Auto unterwegs. Nur zwei, drei Mal im Jahr fehlt es mir. Zum Beispiel beim Skifahren, wenn man mit sieben Gepäckstücken nachts in der Lenzerheide steht und kein Taxi kommt, was dich zur Haltestelle vom Postauto bringt.
Mehr Mut!
Ich besitze drei Velos: Mein e-Bike für jeden Tag, ein altes, das ich benutze, wenn ich Sorge habe, dass jemand etwas klaut, und ein Citybike ohne Strom – pure Womanpower. Reparieren lasse ich sie in der Werkstatt. Ich habe genug anderes im Kopf.
Wenn ich an meine Lieblingsmomente auf zwei Rädern denke, dann sind es die Sommernächte. Wenn ich nach einer Kulturveranstaltung spätnachts noch unterwegs bin, dann, wenn die Stadt langsam ruhig wird. Vorbei an den Hochschulen durch die warme Luft gleiten, ganz ohne Stop-and-go und Hektik. Wenn ich wünschen könnte, dann gäbe es in der Innenstadt weniger Autos und dafür mehr Raum für Velos und ÖV. Kopenhagen zeigt, wie weit man kommen kann. Ich glaube, da hätte Zürich sicher noch Potenzial.
Ein Traum für später: Eine Velotour mit meinem Mann von Berlin an die Ostsee. Der Wind kommt dort immer von vorne, egal in welche Richtung man fährt – das ist Gesetz im Norden. Aber ich würde es gern machen, wenn die Kinder irgendwann aus dem Haus sind. Bis dahin organisiere ich mein Leben in Zürich auf zwei Rädern. Mein Velo ist kein Hobby. Es ist mein Alltag, meine Freiheit und ein Stück Identität.»






