Als Kind fuhr ich sehr viel Velo. Das Velo bot mir die Möglichkeit, mich das erste Mal selbst zu entscheiden, wohin und wie weit ich fahren wollte. Dadurch wurde mein Radius plötzlich grösser, und ich konnte die Nachbarschaft erkunden. Es gibt doch nichts Schöneres, als sich in der Freizeit aufs Velo zu setzen und einfach mal draufloszufahren ohne Plan und Ziel.
So richtig entfacht wurde die Freude am Velofahren, als ich mein erstes BMX bekam. Damals bauten wir mit Paletten und Brettern Rampen und hatten viel Spass damit.
Mit 15 oder 16 Jahren kaufte ich mir mein erstes Downhill-Mountainbike und fuhr auch sonst oft mit Kollegen in den Wald zum Biken. Von etwa 17 bis nach dem Militär legte ich eine Velopause ein und benutzte häufig den ÖV. Einen Führerschein habe ich nie gemacht, da ich nie ein besonderes Interesse am Autofahren hatte. Nach dieser Pause entdeckte ich das Velofahren plötzlich neu – und von da an fuhr ich einfach überallhin mit dem Velo.
Vom Berufsnomaden zum Velomech
Beruflich bin ich ein Nomade. Ich hatte nie einen Traumjob. Routine mag ich nicht – dabei fühle ich mich schnell unterfordert und langweile mich. Ursprünglich lernte ich Logistiker, danach fuhr ich kurze Zeit Gabelstapler. Einige Jahre war ich als Messebauer tätig, dann eine Zeit lang in der Gastronomie, bis die Pandemie kam. Für mich war der Beruf oft Mittel zum Zweck.
Ich bin leidenschaftlicher Hobbymusiker – mal sehr intensiv, mal etwas weniger. Jedenfalls ist es ziemlich zeitintensiv. Mein Stil ist in der Elektronik angesiedelt, ich experimentiere viel mit dem Synthesizer. Zudem engagiere ich mich in verschiedenen Kulturvereinen. Bei mir laufen immer Projekte, die mit Musik und Kreativität zu tun haben. Deshalb arbeite ich auch nicht 100 %, damit ich genug Zeit habe, mich diesen Herzensprojekten zu widmen.
Während der Pandemie wurde es bekanntermassen schwierig in der Gastronomie, deshalb begann ich als Ladenbauer zu arbeiten und lernte so meinen heutigen Arbeitgeber bei e-motion E-Bike kennen. Als er sah, dass ich jeden Tag mit dem Velo zur Arbeit kam, meinte er, sie würden immer Velomechaniker brauchen. Diesen Beruf hatte ich gar nie auf dem Schirm – obwohl ich ständig mit dem Velo unterwegs war und fast alles selbst reparierte.
So kam eines zum anderen, und ich absolvierte als Quereinsteiger eine «inhouse»-Lehre in anderthalb Jahren zum Velomech. Das hat gut geklappt – mit ein bisschen handwerklichem Geschick ist das gut machbar. Übrigens war dies während der Lehre meine erste feste Arbeitsstelle seit acht Jahren!

Auf das E-Bike und raus aus der Komfortzone
Am Anfang fuhr ich noch täglich mit dem «Biobike» zur Arbeit. Mein Arbeitsweg beträgt 15 Kilometer pro Weg, also 30 Kilometer am Tag. Ende der Woche merkte ich jeweils schon, dass ich ziemlich müde war.
Durch meine neue Arbeit als Velomechaniker kam ich erstmals mit E-Bikes in Kontakt – und fand Gefallen daran. Nach einer Weile kaufte ich mir ein E-Cargo-Bike von Riese & Müller mit einer kleinen Ladefläche vorne. Seither ist dieses Velo mein ständiger Begleiter.
Das Velofahren könnte durchaus mehr gefördert werden. Anstelle von E-Autos könnte man E-Bikes subventionieren. Die Menschen sollten dem Velo zumindest eine Chance geben und es ausprobieren – vielleicht ist es gar nicht so unangenehm, wie sie es sich vorstellen.
Ich glaube aber auch, dass das Pendeln mit dem Velo nicht für jede Person geeignet ist. Man sollte es sich generell einfach zutrauen. Das Wetter ist natürlich manchmal ein Knackpunkt – aber ganz ehrlich: Manchmal bin ich fast froh, wenn es zwischendurch ein bisschen «Scheisswetter» ist. Ich bin von Natur aus ein sehr bequemer Mensch, und so wird es nicht langweilig, so wird es wieder interessant und herausfordernd.
Man darf es niemandem aufzwingen. Ich für mich weiss aber, dass es mir guttut, auch wenn ich manchmal keine Lust habe. Als ich noch in der Gastronomie arbeitete, war ich meist den ganzen Tag auf den Beinen und am Abend sehr müde. Da fehlte mir manchmal die Motivation, mich noch aufs Velo zu setzen. Es tat dann aber jedes Mal gut – und ich war in dieser Zeit fitter als je zuvor.
Oftmals ist das Auto nur ein Alibi – man spart vielleicht eine Viertelstunde, die man dann später in den sozialen Medien wieder verliert…
Unterschiedliche Bedürfnisse von Velofahrerinnen und Velofahrern
Es ist noch lustig – Sport, beziehungsweise Ausdauersport, habe ich erst mit 28 Jahren so richtig entdeckt: Rennen, Schwimmen und Velofahren, die klassischen Triathlon-Disziplinen, das gefällt mir. Und das passt eigentlich überhaupt nicht zu meinem Raucherdasein. Ich habe schon zig Male versucht aufzuhören, es aber nie ganz geschafft. Auch jetzt versuche ich gerade wieder zu reduzieren und hoffentlich bald ganz aufzuhören. Aber fit bin ich trotzdem.
Ein kleiner Denkanstoss: Oftmals ist das Auto nur ein Alibi – man spart vielleicht eine Viertelstunde, die man dann später in den sozialen Medien wieder verliert…
Das Velofahren hilft mir auch, entspannter und gelassener in den neuen Tag zu starten. Auf dem Velo mal eine halbe Stunde Ruhe zu haben und nicht äusseren Einflüssen ausgesetzt zu sein, ausser der Natur und der Umgebung, das ist Lebensqualität.
Übrigens: Gegen Routine auf dem Arbeitsweg hilft oft schon eine kleine Veränderung, mal ein anderes Strässchen nehmen oder nach der Arbeit eine kleine Extrarunde anhängen. Das durchbricht aufkommenden Trott und man entdeckt plötzlich neue Dinge.
Grundsätzlich fühle ich mich sehr sicher, wenn ich mit dem Velo unterwegs bin. Dieses Sicherheitsgefühl ist aber sehr individuell. Ich finde es zum Beispiel schwierig, wenn sich Familien mit Kindern den gleichen Velostreifen mit pendelnden S-Pedelec-Fahrer:innen teilen müssen – da treffen Welten und Bedürfnisse aufeinander, die nicht kompatibel sind. Hier gibt es noch viel Luft nach oben.
Velofahren ist effizient und verbindet Menschen
Dreimal pro Jahr mache ich als «fliegender Velomech» eine Basis-Wartungs-Tour durch Zürich und Umgebung für Carvelo. Dabei besuche ich innerhalb von drei Tagen 50 bis 60 Hosts und halte die Carvelos in Schuss. Da merke ich jeweils, dass in Zürich etwas energischer Velo und Auto gefahren wird und versuche mit dem Flow zu gehen.
Übrigens: Dass ich Velo fahre, hat sicher auch ökologische Gründe, aber es ist nicht der Hauptbeweggrund. Wenn man sich überlegt, wie man eine Gesellschaft effizient organisieren kann, dann sicher nicht mit dem Auto, besonders nicht in Städten mit begrenztem Platzangebot.
Velofahren kann auch verbinden. Ich habe Kollegen, die treffe ich fast ausschliesslich zum Velofahren. Ich rate allen, es einfach mal mit dem Pendeln zu versuchen – vielleicht macht es ja Klick!






