Praktisches
Velo fahren, so geht's schmerzfrei! Aufgezeichnet von Hannes Munzinger

Erstaunlich viele Menschen nehmen Beschwerden beim Velofahren für selbstverständlich. Ein HOCH auf das Velo und NIEDER mit den Schmerzen! – Einverstanden?

Kribbeln in den Fingern

Wer kennt es nicht? Man geniesst die Velofahrt. Es riecht nach frisch gemähten Kornfeldern. Das Rauschen der Blätter spielt mit tanzendem Sonnenlicht auf den Unterarmen und in den Fingern beginnt dieses fiese Kribbeln. Es breitet sich aus, manchmal so stark, dass man sein Velo gleich in den nächsten See werfen könnte. – Tun’ Sie das bitte nicht! Wir können das nachholen, falls unsere Tipps nicht funktionieren:

Tipp 1: Gekröpfter Lenker

Manche Lenker sind Kerzengerade, manche gebogen. Die Abwinkelung nennt man Kröpfung. Doch was ist für Sie das Richtige? Umgreifen Sie einen leichten, länglichen Gegenstand, wie beispielsweise einen Doppelmeter. Lassen Sie Ihre Arme locker hängen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf dem Fahrrad. Heben Sie nun den Arm in gedachte Lenkerhöhe, ohne ihr Handgelenk zu verdrehen.

Kröpfung visualisieren mithilfe eines Doppelmeters

Der Winkel des stabartigen Gegenstands beschreibt nun die natürliche Haltung Ihrer Hand. Er dient Ihnen als Visualisierung, wie stark gebogen ein anatomisch korrekter Lenker für Sie sein sollte.

Tipp 2: Handschmeichler Ergonomiegriff

Unsere Hände sind ein komplexes Meisterwerk. Deren Bedeutung wird uns erst bewusst, wenn sie durch Schmerzen oder Taubheitsgefühle bloss noch eingeschränkt funktionieren. Im Gegensatz zu einer mehrstufigen Befehlskette zu den Beinen sind die Hände direkt mit dem Gehirn verbunden. Die allermeisten Nerven verlaufen durch den Karpaltunnel mittig im Handgelenk. Steter Druck und eine unnatürliche, geknickte Handhaltung klemmen die Nervenbahnen ab und stören deren Durchblutung. Das wiederum führt innert Minuten zu Taubheitsgefühlen.

Velogriff ergonomisch richtig montiert

Ergonomisch geformte Lenkergriffe entlasten die Nervenbahnen und führen korrekt montiert zu einer natürlichen Hand- und Armhaltung. Ellbogen sollten übrigens beim Velofahren leicht gebeugt sein. Ihr Körpergewicht lastet sonst zu stark auf ihren Ellbogengelenken. Durchgestreckte Arme können Schläge nicht abfedern, wobei die ganze Energie auf die Handflächen und Schultern prallt. Dies nur ein Ergonomie-Tipp am Rande.

Steinklotz oder Velosattel?

Den einen, ultrabequemen Velosattel für jedermann gibt es nicht. Ergonomische Standard-Bürostühle schon. Im Gegensatz zum Bürostuhl lastet das Körpergewicht beim Velosattel auf einer ungewöhnlich kleinen Fläche. Sattelformen, die nicht zu unserer persönlichen Anatomie passen, bekommen wir schnell zu spüren. Wo unsere Sitzknochen sind, muss eine stabile, nicht zu weiche Sattelpolsterung sein. Nur so werden die Sitzknochen angenehm gestützt. Nebenbei: Stark gewölbte Sättel üben gerne einen Spreizdruck auf das Becken aus. Dies kann üble Schmerzen auslösen. Zudem entsteht ein erheblicher Druck auf den empfindlichen Dammbereich.

Tipp 3: Die Sitzknochenvermessung

Abhilfe gegen Sitzbeschwerden schafft eine professionelle Sitzknochenvermessung beim Fachhändler. Zur Annäherung an den passenden Sattel verraten wir Ihnen eine schnelle und kostengünstige Bastelmethode: Platzieren Sie ein Stück Wellkarton auf einer Sitzfläche in Kniehöhe. Sitzen Sie wie auf dem Velo etwas vorgebeugt ab und stehen Sie wieder auf. Ist die Wellpappe nicht zu hart, entstehen zwei Eindrücke Ihrer Sitzknochen.

Schneiden Sie nun die beiden Abdrücke zusammenhängend aus den Karton aus. Et voilà! Damit ist Ihre persönliche Velosattelschablone fertig. Legen Sie nun ihr neues Hochleistungsmessinstrument auf den Sattel Ihrer Wahl. Auf einen Blick entlarven Sie, ob der Velosattel zu breit, zu schmal oder ob die Polsterung eh am falschen Ort ist.

Tipp 4: Einfluss der Sitzposition

Ihre Sitzposition bestimmt, ob eher der Sattel oder der Lenker belastet wird. Je sportlicher, vorgebeugter Sie unterwegs sind, je stärker wird der Druck auf den Lenker, je geringer auf den Sattel. Mit höherem Vorbau, also aufrechterer Sitzposition werden die Hände entlastet. Zwar ist man sehr aufrecht fahrend angewiesen auf den perfekten Sattel. Auch ist man stärker dem Gegenwind ausgesetzt. Dennoch schafft ein erhöhtes Sichtfeld im Strassendschungel besseren Überblick.

Ändern Sie nicht zu viele Parameter auf einmal.

Zu guter letzt, Tipp 5: Tasten Sie sich Schritt für Schritt an ihr optimal eingestelltes Velo heran. Sind Sie trotz aller Tipps nicht schmerzfrei unterwegs, empfiehlt sich der Besuch einer Ergonomieberatung beim Fachhändler. Hilft dies auch nicht, dürfen Sie jetzt Ihr Velo im nächsten See versenken. (Nur Spass!)

Viel Freude mit dem Velo und das ganze Jahr über gute und sichere Fahrt.

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