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Das grosse Potenzial des Elektrovelos Text: Hannes Munzinger

Das Elektrovelo ist ein Hybride. Dank dem Mix aus Elektromotor und Muskelkraft lässt es so manchen Hügel flach aussehen. Dem schweizweit verbreiteten Rauf und Runter trotzend, können sich immer mehr Menschen vorstellen, das Elektrovelo im Alltag zu nutzen. Weitgehend attestiert man zwar einen e-Bike-Boom, jedoch nicht ohne kritische Untertöne. So mancher zweifelt daran, dass das e-Bike eine echte Alternative im Alltagsverkehr darstellt. Dieser Artikel beschäftigt sich mit den schiefen Tönen.

Mythos I: e-Biker halten sich nicht an Regeln

Man schimpft sie gerne e-Bike-Rowdys, die sich an keine Verkehrsregeln halten. Allerdings fällt die grosse Mehrheit der Nicht-Rowdies gar nicht auf. Wie sollen sie auch? Wenn sieben Velofahrende an der roten Ampel warten, bleibt bloss der Achte im Bewusstsein hängen. Genau: das Individuum, das bei Rot über die Kreuzung brettert und die Weltanschauung vertritt: Bremsen? Nein. Licht? Nö. Gucken? Wozu?!? Wirft man deshalb gleich alle radfahrenden Menschen in den selben Topf?

Das “Ich Zuerst” steht nicht in Abhängigkeit zur Velo- oder e-Velo-Nutzung. Und die Tatsache, dass das Velo mit oder ohne “e” auch rüpelhaft benutzt wird, macht es nicht zu einem schlechten Verkehrsmittel. Umso mehr: danke, dass Sie sich an die Regeln halten.

Mythos II: e-Velo Fahren ist gefährlich

Die Zahl der e-Velo-Unfälle steigt merklich. Es entsteht der Eindruck, e-Velofahren sei besonders gefährlich. Schuld seien die schnelleren Geschwindigkeiten sowie das höhere Fahrzeuggewicht. Die Regeln der Physik, von wegen Tempo und Gewicht, gelten jedoch für alle Verkehrsmittel gleichermassen.

Die einseitige Fokussierung auf die e-Bike-Unfallzahlen zeichnet ein verzerrtes Bild. Im Verhältnis steigt die Anzahl der e-Velofahrenden schneller, als die Zahl der e-Velounfälle. Ausserdem nutzen e-Biker ihr Gefährt in der Regel häufiger und legen damit längere Distanzen zurück. Korrelierte man die Unfallzahlen von e-Velos mit ihrer deutlich höheren Fahrleistung, wären die Unfallzahlen mit dem Niveau herkömmlicher Velos vergleichbar.

Zu schnell für die Situation

Zweifellos ist jeder Velounfall einer zu viel. Bei Selbstunfällen nennen e-Biker als häufigste Ursache die “rutschige Strassenoberfläche”, gefolgt von “zu schnell für die Situation” und “in Eile”. Dies überrascht nicht. Die Kombination aus Regen und Laub oder Eis und Schnee und der Zutat Eile erhöht die Sturzgefahr auf nicht geräumter Fahrbahn. Und klar: einige e-Bike-Modelle verleiten tatsächlich zum Schnellfahren.

Aber selbst mit einem 45 km/h Speed-Pedelec kann man bremsen oder auch – mal – langsam – fahren, sich der Situation anpassen. Man müsste meinen, eigentlich selbstverständlich. Oder, wie klingt ab der Stadtgrenze eine 30 km/h-Begrenzung auf Velowegen? Vielleicht sogar freiwillig? Nun, über die stete Eile haben wir an anderer Stelle in unserem Magazin auch schon philosophiert.

Eine Ursache für Kollisionsunfälle ist die schmale, senkrechte Silhouette des Velofahrenden. Die Distanz zum “Strich in der Landschaft” ist durch unsere binokulare Wahrnehmung schlechter einschätzbar, als die flächige Silhouette beispielsweise eines Autos. Wir empfehlen das Velolicht auch tagsüber einzuschalten. So wird man schneller und vor allem auch bloss mit einem flüchtigen Blick wahrgenommen. Doch reicht das?

Das e-Bike sicherer machen

Das e-Velo wird nicht sicherer nur mit aufmerksamer und regelkonformer Fahrweise. Das e-Bike ist sicher, wenn man es beherrscht. Mit seinem Rad abseits der Strasse spielerisch das Gleichgewichthalten, Bremsen oder Ausweichen üben, macht einerseits Spass und durchaus Sinn – wie Fingerübungen fürs Klavierspiel.

Im städtischen Strassenverkehr ist selbst der kleinste Rückspiegel am Velo eine feine Sache. Bei der Qualität von Komponenten, wie Bremsen, Licht oder Geschwindigkeitsanzeige sollten e-Bike-Hersteller nicht sparen. Zudem stehen selbst Freizeiträdern, wie dem e-Mountainbike oder dem e-Rennrad, Velolicht gut zu Gesicht. Beim Speed-Pedelec für Ganzjahres-Pendler sind aus Erfahrung gar Tagfahrlicht, zuschaltbares Fernlicht und auch Bremslicht empfehlenswert.

Manche Lastenvelos geraten beim Loslassen des Lenkers zum Handzeichen geben recht schnell aus der Spur. Vor allem mit Kindern an Bord wären Blinker ein echter Mehrwert, auch wenn mindestens ein kurzes, klares Handzeichen nach wie vor Pflicht ist.

All diese Dinge ersetzen keine gute Veloinfrastruktur. Es braucht sichere, separierte und möglichst zusammenhängende Velowege. Es wird nie genug laute Glocken, genug harte Helme oder genug helle Kleider geben, die sichere Veloinfrastruktur überflüssig machen.

Mythos III: e-Bikes sind nicht ökologisch

Richtig, das Elektrovelo ist weniger ökologisch, als ein herkömmliches Velo. Doch, was nützt ein Velo, das Staub ansetzt, weil die Topografie nicht mitspielt? Bei der e-Mobilität wird gerne der Fokus auf die Elektrifizierung des Automobils gerichtet. Das ist schade, was folgende einfache „Milchbüechlirechnung“ unterstreicht:

Mit den Akkuzellen eines einzigen e-Autos der meistverkauften Klasse (mit ca. 75 kWh) könnten etwa 150 Elektrovelos ausgestattet werden. Mit diesen 0.5 kWh-Akkus radeln 150 Personen jeweils etwa 50 Kilometer weit. Dies wiederum entspricht einer gemeinsamen Strecke von ca. 7’500 Kilometern je Akkuladung. Beim e-Auto ist bei rund 500 km Schluss. Das e-Velo ist ein Hybride, das nebenbei auch Fett verbrennt. Und es bedarf erheblich weniger Ressourcen. Ergo ist es eine guter Plan, das Velo zu elektrifizieren.

Ein Blick in die Zukunft

Ob die Velohybriden einen wachsenden Anteil am Alltagsverkehr an sich binden, hängt davon ab, ob die Menschen bereit sind umzusteigen. Andererseits gelingt das erst nachhaltig mit bedarfsgerechter Veloinfrastruktur.

So oder so, das e-Velo entwickelt sich rasant weiter. Eine stark wachsende Produktvielfalt nimmt sich unterschiedlichsten Bedürfnissen an. Die Elektromotoren werden stets leichter, leistungsfähiger und auf Langlebigkeit getrimmt. Neue Recycling-Konzepte eröffnen einen Akku-Kreislauf mit besserer Rückgewinnung von wertvollen Rohstoffen. Von ABS über Bremslicht bis Diebstahlschutz, das e-Velo wird stets smarter. Bei uns kaum bemerkt erlangen in Skandinavien neu entwickelte, vollverkleidete Pedelecs mit Regendach Serienreife. Damit fällt selbst die beharrliche Bastion der Schlechtwetter-Argumente.

Das Frikar der Firma Podbike AS aus Norwegen
Ein Pedelec mit Fahrerkuppel auf Testfahrt in Norwegen.

Das e-Velo macht sich bereit für die Zukunft, für einen Paradigmenwechsel auf Pendlerstrecken bis etwa 25 Kilometer. Stellen Sie sich einfach vor, was diese leisen Velohybriden im urbanen Lebensraum alles bewirken können. Emissionsfrei, fast lautlos und ohne die Zunge am Boden, dafür mit einem Lächeln im Gesicht über den nächsten Hügel gleiten.

Gute Fahrt Ihnen allen.

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