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Claudia Lavanchy trägt bewusst Sorge zur Natur

Für Claudia ist das Velo mehr als Transportmittel: Sie verbindet damit Alltag, Beruf und Glauben und schafft Raum für Begegnungen mitten im Quartier.

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Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Chur in einem Dorf am Hang. Da gab es keine geraden Strassen – was fürs Velofahrenlernen aber von Vorteil gewesen wäre. So habe ich auf dem Quartiersträsschen bei meinen Grosseltern, unweit unseres Wohnortes, das Velofahren gelernt. Das Bild, wie ich mit Stützrädern übte, habe ich noch ganz klar vor Augen. Wenn ich daran zurückdenke, muss ich ein wenig schmunzeln: Die Stützräder waren aus heutiger Sicht eher hinderlich als hilfreich. Wenn ich sehe, wie meine sechsjährige Tochter dank des Laufrads früh das Velofahren gelernt hat, dann hat sich vieles zum Positiven verändert.

Mein Vater war schon immer ein leidenschaftlicher Velofahrer und fuhr früh Mountainbike. Anfangs war er jedoch noch mit einem Tourenvelo auf Schotterstrassen und Waldwegen unterwegs. Mit ungefähr elf oder zwölf Jahren durfte ich ihn dann auf einfache Biketouren begleiten – damals natürlich ebenfalls noch ohne gefedertes Velo.

In meinem bisherigen Leben bin ich in der Schweiz etwas herumgekommen und habe in verschiedenen Regionen gewohnt. Immer war das Velo für mich das beste und sinnvollste Transportmittel. Velofahren löst in mir ein Freiheitsgefühl aus, ich kann auftanken und frische Luft einatmen. Es vereinfacht mir den Alltag in vielerlei Hinsicht.

Von der Polymechanikerin zur Sozialdiakonin

Zuerst habe ich eine Ausbildung zur Polymechanikerin gemacht. Doch ich merkte schnell, dass mir der Kontakt zu Menschen fehlte – ich mag Menschen. Mein erster Beruf wurde mir zu technisch und zu maschinell. So kam es, dass ich noch Theologie, Diakonie und Soziale Arbeit studierte. Heute arbeite ich bei der reformierten Kirchgemeinde in der Stadt Zürich als Sozialdiakonin und Gemeindeanimatorin. Dabei ist das Velo präsenter, denn je und ein wichtiger Bestandteil meines Berufsalltags.

Selbst nach der Geburt unserer Tochter vor über sechs Jahren haben wir uns kein Auto angeschafft, obwohl Freunde und Bekannte immer wieder danach fragten. Für uns ist es ein ganz bewusster Verzicht – auch aus Umweltschutzgründen. Alles war und ist für uns gut mit dem Velo bewältigbar. Für mich ist dabei aus theologischer Perspektive der Schöpfungsgedanke massgebend. Der Verzicht auf ein Auto hat für mich auch mit Nächstenliebe und dem Sorgetragen zur Schöpfung zu tun. Ich möchte meinen Mitmenschen und Nachkommen dienen und ihnen eine Welt hinterlassen, in der sie auch in Zukunft ein gutes Leben führen können, ohne unter den Klimaveränderungen leiden zu müssen.

Sichere Velobox und Spezialvelo mit Tisch und Schirm

Ich wohne im Kanton Aargau, genauer in Brugg. Von unserem Zuhause habe ich es per Velo nicht weit bis zum Bahnhof, und in Zürich-Affoltern wartet morgens jeweils mein Züri-Velo in einer sicheren Velobox auf mich. Man kann eine solche Box mieten und bezahlt etwa 50 Franken pro Jahr. Dafür ist das Velo sicher und gut geschützt. Wenn ich in Zürich-Affoltern ankomme, hole ich mein Stadtvelo aus der Box und fahre damit zu meinem Arbeitsplatz an der Riedhaldenstrasse.

Während der Arbeitszeit steht mir ein E-Bike zur Verfügung. An diesem kann ich sogar noch einen Lastenanhänger montieren. Das ist sehr praktisch, wenn ich Material für einen Anlass besorgen oder etwas transportieren muss. Selten mache ich auch Hausbesuche per E-Bike. Den Komfort des E-Antriebs schätze ich sehr, besonders im Sommer, man ist nicht gleich so verschwitzt.

Die reformierte Kirche im Kreis 11 besitzt zudem ein Spezialvelo, bei dem man ein kleines Tischchen ausklappen und einen Sonnenschirm montieren kann. Ziel ist es, in den Quartieren noch präsenter zu sein. Eine Idee von mir wäre, eine mobile Beratung für Familien anzubieten. Das heisst, ich würde mich mit diesem Velo zum Beispiel auf einem öffentlichen Spielplatz hinstellen, um einfacher mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Mit dem Velo fällt man auf, schnell ergibt sich ein Gesprächseinstieg. Das wiederum schafft Nähe und ermöglicht Begegnungen. So könnte ich Fragen und Anliegen der Menschen dort beantworten, wo ihr Alltag stattfindet. Ich würde zu den Menschen gehen, und sie müssten nicht den Weg zu mir auf sich nehmen. Ich kann mir gut vorstellen, dass so manche Leute weniger Hemmungen hätten, sich Rat zu holen und sich jemandem anzuvertrauen.

Wenn man mit dem Velo unterwegs ist, kommt man viel öfter mit Menschen in Kontakt, als wenn man von einer «Büchse» umgeben und abgeschirmt ist. Man ist automatisch viel nahbarer.

Zürich kann sich an Bern ein Beispiel nehmen

Wer viel mit dem Velo unterwegs ist, erlebt die unterschiedlichsten Verkehrssituationen. Während meines Studiums habe ich in Bern gewohnt. Bern ist eine richtig tolle Velostadt mit Velostrassen – da hat Zürich im Vergleich noch grossen Nachholbedarf. Zum Teil ist es in Zürich recht gefährlich. Ich selbst habe aber keine Angst, da ich sehr geübt bin und mit vielen Situationen umgehen kann. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich denke: Das könnte man verbessern – etwa Parkplätze am Strassenrand, die einem als Velofahrerin die Sicht nehmen.

Privat bin ich gerne ohne E-Antrieb unterwegs, denn mir ist auch der sportliche Aspekt am Velofahren wichtig, um fit zu bleiben. Mit dem Velo kann man wunderbar neue Umgebungen erkunden. Ab und zu nehme ich das Mountainbike und fahre einfache Single Trails. Nebst dem Mountainbike habe ich auch ein Gravelbike, das ich sehr mag. Als Familie machen wir am Wochenende oft Ausflüge und fahren an schöne Orte. Immer öfter kann meine Tochter auch selbst fahren.

Mit dem Velo unterwegs zu sein bedeutet für mich Entschleunigung vom Alltag.

Tolle Veloerlebnisse – von Tierbeobachtungen bis Veloferien

Eine Weile lebten mein Mann und ich im Engadin. Dort ist es ein Paradies zum Mountainbiken. Dadurch konnte ich abgelegene Täler erkunden und Wildtiere beobachten und hatte so viele tolle Naturerlebnisse.

Im Sommer machen wir als Familie meist eine Velotour und sind Bikepacking-mässig mit dem Zelt unterwegs. Diesen Sommer waren wir zuerst im Kanton Bern in der Nähe des Wohlensees. Anschliessend genossen wir ein paar Tage in der Ostschweiz und konnten auf Bauernhöfen unser Zelt aufschlagen und übernachten. Mit dem Velo unterwegs zu sein bedeutet für mich Entschleunigung vom Alltag. Wenn unsere Tochter älter ist, kann ich mir gut vorstellen, einmal eine grössere Reise mit dem Velo zu machen.

Auch im beruflichen Kontext könnte ich mir sehr gut vorstellen, eine Velowoche für Familien anzubieten: gemeinsam unterwegs zu sein mit einem Ziel vor Augen, getragen vom Gemeinschaftsgefühl, das vermittelt: «Gemeinsam schaffen wir das.» Das würde mir sehr gefallen.

Menschen mit schweren Schicksalen

Bei meiner beruflichen Tätigkeit begegne ich immer wieder Menschen mit schweren Schicksalen: Menschen in prekären Wohnsituationen, Armutsbetroffene, Einelternfamilien am Rande ihrer Kräfte oder von Einsamkeit Betroffene. Wir unterstützen diese Menschen bei Lösungsfindungen. Manchmal können wir ihre Not etwas lindern. Oft ist schon ein offenes Ohr ein erster Schritt dazu.

Was Velofahren für mich mit Gott zu tun hat? Eine gute Frage. Beim Velofahren finde ich innere Ruhe. Ich bin in einem Dialog mit mir selbst, kann Kraft schöpfen und finde in stressigen Zeiten wieder zu mir. Der Gedanke, mit dem Göttlichen, mit dem Leben in Verbindung zu sein, gibt mir das Gefühl, getragen zu werden und nicht allein zu sein.

Ich möchte die Menschen ermutigen, im privaten wie im beruflichen Umfeld das Velo häufiger einzusetzen. Das Velo kann Türöffner und Sprachrohr sein. Zudem ist es ein hervorragendes Transportmittel. Velofahren bietet Raum für Begegnungen – und das ist für mich sehr wertvoll. Diesen Raum sollte man sich als Velofahrerin oder Velofahrer bewusst nehmen.

Für mich ist das Velo der einfachste Weg, mobil zu sein und gleichzeitig Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen.

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