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Bei Estefano Fischer steht kein Velo lange still

Zwischen Waldwegen, Cargo-Bike und Familie realisiert Estefano Fischer seine Velovisionen.

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«Mein erster Velomoment? Auf die Schnauze gefallen. Kiesweg runter, vorne gebremst und einen Vorderzahn ausgeschlagen. Ich war vielleicht sechs oder sieben. Das war kein besonders würdiger Einstieg in ein später ziemlich velolastiges Leben. Abgeschreckt hat es mich trotzdem nicht.

Ich bin auf dem Land gross geworden, eher abgeschieden. Wer zum Fussballtraining wollte oder an den Baggersee, nahm das Velo. Bis ich mit sechzehn den Rollerführerschein machte, war ich praktisch immer auf zwei Velo-Rädern unterwegs.

Familienleben in Uzwil

Heute lebe ich mit meiner Partnerin und unseren beiden kleinen Buben in Uzwil. Familie ist für mich kein Nebenschauplatz. Vieles, was ich heute mache, passiert gemeinsam mit ihnen oder dreht sich um unseren Alltag als Familie. Das Velo gehört dabei ganz selbstverständlich dazu. Nicht aus ideologischen Gründen. Es funktioniert einfach für uns. Dabei war ich lange gar nicht dieser klassische Velotyp. Keine Rennradträume, keine sportlichen Vorbilder. Erst später bekam das Ganze für mich eine andere Bedeutung.

Sehr früh am Morgen, sehr ruhig und sehr schön

Ich arbeite als Monteur für eine Firma, die Fitnessgeräte liefert und installiert. Wir bauen die Geräte bei Kundinnen und Kunden auf, oft in Fitnesszentren oder Physiotherapien im Raum Zürich. Morgens treffen wir uns jeweils an einem festen Treffpunkt, laden Material um und fahren von dort weiter. Wenn dieser Treffpunkt auf halb sieben angesetzt ist, bedeutet das für mich brutal frühes Aufstehen. Wirklich früh. Da ist draussen oft noch tiefste Dämmerung, und der erste Gedanke beim Aufstehen ist nicht unbedingt Begeisterung. Die kommt erst später.

Sobald ich auf dem Trike sitze und aus Uzwil hinausfahre, hebt sich die Stimmung. Nach wenigen Minuten bin ich an der Thur oder im Wald. Dort wird es still. Das Licht am Trike gleitet über den Weg, irgendwo bewegt sich etwas zwischen den Bäumen, manchmal sehe ich Rehe. Ich fahre bewusst über kleinere Strassen und Waldwege. Nicht weil ich Angst vor Autos hätte. Mich stört vor allem der Lärm. Dieses permanente Vorbeiziehen. Im Wald fühlt sich der Morgen plötzlich wieder nach etwas Echtem an.

Für den Arbeitsweg brauche ich je nach Strecke 45 Minuten bis eine Stunde. Mit dem Zug wäre ich kaum schneller. Wenn es regnet, sieht die Sache allerdings anders aus. Ich habe gute Regenkleider, sogar zwei Regenhosen. Trotzdem gibt es Tage, an denen ich denke: Nein, heute sicher nicht. Dann bleibt das Velo zuhause.

Das Velo ist Teil unseres Lebens geworden

Im Alltag steht bei uns kaum ein Velo lange still. Besonders oft sind wir mit dem Cargo-Bike unterwegs. Vorne die Kinder, hinten im Anhänger die Einkäufe, Gepäck oder Material. Und manchmal hängt hinten zusätzlich noch einer dieser kleinen Wohnmobilanhänger fürs Velo dran. Unglaublich, wie die Leute dann zu schauen beginnen! Egal, ob an einer Kreuzung, vor dem Baumarkt oder auf einem Campingplatz. Wenn wir mit dem Velowohnmobil angeradelt kommen, bleiben die Leute stehen. Manche lachen, andere zücken sofort ihr Handy oder stellen Fragen. Wenn ich mit dem Cargo-Bike und dem Wohnmobil unterwegs bin, passiert es ständig, dass jemand wissen will, wie das funktioniert, ob man darin wirklich schlafen kann oder wohin wir gerade fahren.

Kürzlich habe ich mit den Kindern im Baumarkt zwei Meter lange Fussleisten geholt. Vorne die Buben im Cargo-Bike, hinten im Wohnmobil die Leisten. Daraus machte ich gleich einen kleinen Familienausflug. Für mich fühlt sich das inzwischen recht normal an. Für andere weniger.

Unser Cargo-Bike hat sogar einen Namen. Wir nennen es die Rikscha. Der Name blieb nach einer Thailandreise hängen, weil unsere Kinder dort begeistert von diesen Gefährten waren.

Angefangen hat alles mit einer verrückten Idee

Dass das Velo einmal so wichtig werden würde, hätte ich früher selbst nicht gedacht. Die Veränderung begann eigentlich erst, als ich vom normalen Velo aufs Trike wechselte. Auf längeren Strecken bekam ich oft Schmerzen im Hals oder in den Schultern. Mit dem Trike konnte ich plötzlich entspannter und weiter fahren. Erst da begann mich das Reisen mit dem Velo zu packen.

Anfangs waren es einfache Campingtrips mit Hundeanhänger und Zelt. Dann kamen Kinderanhänger dazu, mehr Gepäck, längere Strecken. Irgendwann stiess ich im Internet auf ein Video eines Mannes, der sich einen kleinen Velowohnwagen gebaut hatte. Das Ding sah komplett verrückt aus. Genau deshalb schaute ich weiter.

Kurz darauf begann ich selbst zu bauen. Damals noch abends nach der Arbeit, mit wenig Werkzeug und ziemlich viel Improvisation. Mein erster Anhänger war, ehrlich gesagt, nicht sehr anschaulich. Aber gleichzeitig unglaublich gemütlich! Als ich zum ersten Mal darin lag, hatte ich sofort dieses Gefühl von Rückzug und Freiheit zugleich. Ein kleiner geschützter Raum, den man einfach mitnehmen kann.

Vielleicht sprach mich das auch deshalb so an, weil mich minimalistisches Wohnen schon lange fasziniert. Vor einigen Jahren lebte ich einmal in einem ausgebauten Zirkuswagen am Waldrand. Warmwasser gab es nur, wenn man zuerst den Badeofen einheizte. Viele würden bei solchen Geschichten sofort dankend abwinken. Für mich hatte das immer etwas Eigenes. Man organisiert vieles selbst, braucht weniger und ist trotzdem zufrieden.

Langsam unterwegs, aber das Zuhause immer dabei

Aus diesen ersten Experimenten entstand später der Name Velotark, zusammengesetzt aus Velo und autark. Das beschreibt gut, was mich daran reizt. Nicht nur die Technik oder das Basteln. Sondern die Idee, mit relativ wenig unterwegs sein zu können und trotzdem einen kleinen eigenen Raum dabeizuhaben.

Die erste grosse Reise führte uns nach Italien. Rund 600 Kilometer mit meiner Partnerin, unserem kleinen Sohn, zwei Hunden und den Anhängern. Wir waren wochenlang unterwegs, suchten Campingplätze, Spielplätze und spontane Zwischenhalte. Besonders in Italien wurden wir ständig angesprochen. Die Leute kamen neugierig auf uns zu und so kamen wir mit vielen Leuten ins Gespräch.

Vorletzte Woche standen wir mit dem Anhänger am Bodensee an der Seepromenade. Viele Leute kamen vorbei und schauten hinein. Eine ältere Dame blieb länger stehen und beobachtete, wie unsere Kinder darin spielten. Irgendwann sagte sie lächelnd: «Wie eine Schnecke mit ihrem Schneckenhaus.»

Meine Kinder fanden den Vergleich sofort grossartig. Und ich ehrlich gesagt auch. Langsam unterwegs sein, aber das Zuhause immer dabeihaben. Treffender hätte man es kaum sagen können.

Was mir an diesem Moment besonders blieb, war etwas anderes. Da standen plötzlich Menschen aus völlig unterschiedlichen Generationen zusammen, schauten denselben Anhänger an und freuten sich einfach darüber. Ohne grosses Gerede. Das hatte etwas Schönes.

Möglichst viel Zeit unterwegs

Nach den ersten Reisen ging vieles schnell. Ich baute einen zweiten Anhänger, verkaufte den ersten und begann bereits am nächsten Modell. Mit jedem Bau lernte ich dazu. Irgendwann kamen erste Anfragen von Leuten, die ebenfalls so einen Anhänger wollten. Heute arbeite ich nur noch Teilzeit als Monteur und verbringe den Rest meiner Zeit entweder mit meinen Kindern oder in der Werkstatt. Die Konstruktion der Wagen wäre ohne Hilfe meiner Partnerin, Eltern und Schwiegereltern nicht möglich. Dafür bin ich dankbar.

Was mich bis heute am Velofahren fasziniert, hat wenig mit Leistung zu tun. Ich brauche keine Sport-App, die mir erklärt, wie gut ich heute gewesen bin. Mich interessiert eher dieses langsame Unterwegssein: Man kann spontan anhalten und die Umgebung bewusster wahrnehmen. So sitzen die Kinder vorne und entdecken plötzlich etwas, das man mit dem Auto längst übersehen hätte.

Langfristig würde ich gerne einmal für einen längeren Zeitraum losziehen. Nicht nur für zwei Wochen während der Ferien, sondern vielleicht ein halbes Jahr unterwegs sein. Einfach aufbrechen, mit Familie, Anhänger und genügend Zeit.

Fernweh hatte ich schon immer. Heute weiss ich immerhin ziemlich genau, wie ich ihm folgen würde. Nicht möglichst schnell. Sondern so, dass unterwegs noch genug Platz bleibt für alles, was man sonst leicht verpasst.»

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