Lifestyle
Axel Brenner, 28, Ultra Endurance Bikepacking-Rennfahrer Beim Tourenfahren erlebt man jeden Meter ungefiltert Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

Die Leidenschaft fürs Velofahren entdeckte ich erst nach und nach. Im Quartier in Herrliberg, wo ich aufwuchs, fuhr ich mit Freunden viel Velo. Der Wald war auch nicht weit weg und so gingen wir dort oft mountainbiken.

Velofahren ist so simpel. Man braucht nur sich selbst und das Bike und schon kann es losgehen. Velofahren bedeutet für mich Freiheit, Naturerlebnis und Einfachheit. Man ist völlig autonom und ungebunden und kommt fast überall durch.

Ich habe das Velo sehr früh genutzt, um zur Schule zu fahren. Aber da war es mehr Mittel zum Zweck. Während der Berufsmittelslchulzeit bin ich dann täglich 45 Kilometer von Herrliberg nach Uster und zurück gependelt. Da habe ich realisiert, wie schnell man mit dem Velo recht weit kommt. Das war ein Wendepunkt. Während dieser Zeit fasste ich den Entschluss, mit dem Velo ans Nordkap zu fahren.

Neue Passion, Nordkap und Grundbedürfnisse

Ich habe mich gut vorbereitet und fuhr am 1. Juni 2018 los. Mir war rasch klar, dass ich gerne schnell und weite Strecken fahre – so schaffte ich es innert fünf Wochen zum Nordkap. Das war der Startschuss zum Tourenfahren. Ich spürte, dass mir das liegt.

An Tourenfahren gefällt mir, dass sich dabei alles auf das Wesentliche reduziert. Man fährt von Punkt zu Punkt und ist stets damit beschäftigt, das nächste «Problem» zu lösen. Ist die Wasserflasche leer, sucht man eine Wasserquelle. Hat man Hunger, muss man etwas essen und am Abend braucht man einen Schlafplatz. So lebt man im Moment und alles reduziert sich auf die Grundbedürfnisse: Essen, Trinken, Schlafen.

Sind alle existenziellen Bedürfnisse befriedigt, hat man beim Velofahren auch viel Zeit, etwas durchzudenken und eine Zeit lang an einem Gedanken festzuhalten, das finde ich sehr wertvoll.

Beim Tourenfahren oder Reisen mit dem Velo allgemein, erlebt man jeden Meter, ungefiltert und nicht getrennt durch eine Autoscheibe. Man ist viel näher dran, man spürt das Land und die Menschen.

Zu meiner Nordkaptour bin ich noch mit Satteltaschen aufgebrochen, die waren sehr schwer und sperrig. Ich war deshalb mehrheitlich an befestigte Strassen gebunden. Das hat mich gelangweilt. Um abseits der Strassen unterwegs sein zu können und mehr Fahrspass zu haben, bin ich dann zum Bikepacking gekommen. Durch das minimalistische Gepäck bleibt das Velo leicht und wendig und man kann damit gut auch über Stock und Stein radeln.

1850 Kilometer durch Hitze, Kälte und unbesiedelte Gebiete

Nach der Nordkaperfahrung hörte ich vom einzigen Bikepacking Rennen in der Schweiz, dem Hope1000 und habe mich kurzerhand angemeldet. Ein Ultra Endurance Rennen über 1000 Kilometer. An Langstreckenrennen gefällt mir besonders, dass ich dabei auf mich allein gestellt bin. Ich kann mir beweisen, dass ich mit den widrigsten Umständen umgehen kann, das gibt mir ein gutes Gefühl. Und natürlich sind es immer wieder solche Hühnerhautmomente, wie bei meinem ersten Hope 1000 Rennen. Da stand ich morgens um 04:00 Uhr auf einer Passhöhe oberhalb von Montreux und die Lichter der Stadt lagen weit unten, wie ein Teppich ausgebreitet. Ich wusste, dort unten liegt das Ziel und ich habe es bald geschafft.

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen, mein Herz brennt weiter fürs Bikepacking

Diesen Sommer habe ich mir dann einen Traum erfüllt und bei einem der härtesten Ultra Endurance Bikepackingrennen der Welt mitgemacht: Beim Silk Road Mountain Race in Kirgistan. Das war dann nochmals eine andere Liga. Die Strecke führte zum Teil bis auf eine Höhe von 3’900 Metern über Meer über eine Distanz von mehr über 1850 Kilometer. Ein Radmarathon, der einem viel abverlangt. Grosse Höhenunterschiede, von grosser Hitze zu Kälte, steiniges Terrain und viel Einöde. Dazu kommt, dass man sich kaum verständigen kann, in Kirgistan wird Russisch und Kirgisisch gesprochen.

Ich bin in der Solo-Kategorie gegen 70 anderen Teilnehmern angetreten. Ich war gut vorbereitet. Das Essen ist dabei eine wichtige Komponente, man verbraucht extrem viel Kalorien, ich bin durch die Migros gelaufen und habe geschaut, was am meisten Kalorien hat und gut haltbar ist. So wenig wie möglich, aber so viel wie nötig, lautete dabei die Devise. Mit Haferriegeln, Nüssen, Erdnussbutter und gefriergetrockneten Bergsteiger-Mahlzeiten bin ich gut gefahren.

Grossartiger Sieg und neue Herausforderungen

Seit einiger Zeit repariere ich all meine Velos selbst, das ist ein riesengrosser Vorteil, wenn man sein Velo kennt und jedes Teilchen schon mal in der Hand hatte, das kam mir in Kirgistan entgegen. Beim Silk Road Mountain Race bin ich „tubeless“, also ohne Veloschlauch losgefahren und hatte dann je einmal vorne und hinten einen platten Reifen und musste einen Schlauch einsetzen.

Einmal führte die Strecke über 300 Kilometer durch unbesiedeltes Gebiet und ohne die Möglichkeit einzukaufen. An einem anderen Tag führte mich die Route 70 Kilometer schnurgerade der chinesischen Grenze entlang durch Einsamkeit und Einöde. Die ersten Tage bin ich oft stundenweise mit anderen Rennteilnehmern gefahren, ab Tag sieben habe ich niemanden mehr angetroffen. Nach 9 Tagen, 2 Stunden und 51 Minuten fuhr ich als Zweiter durch das Ziel!

Im Ziel konnte ich endlich loslassen, während des Rennens stand ich unter Daueranspannung: Ziemlich erschöpft aber immer noch motiviert und mit Kraft hatte ich die 1850 Kilometer geschafft – ein grossartiges Gefühl.

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen, mein Herz brennt weiter fürs Bikepacking. Das nächste Ziel ist das Schwesterrennen vom «Silk Road Mountain Race», das «Atlas Mountain Race» in Marokko. Dieses werde ich im kommenden Februar in Angriff nehmen.

Kurze Strecken und Fahrfluss

Normalerweise kommen bei mir pro Jahr zwischen 4’000 und 5’000 Velo-Kilometer zusammen, dieses Jahr mit dem «Silk Road Mountain Race» gegen 6’000 Kilometer.

Trotz meiner Passion für weite Strecken fahre ich täglich auch kürzere Wege, ich pendle von meinem Wohnort in der Stadt Zürich rund 14 Kilometer zur Arbeit nach Oerlikon. Dabei stört mich, dass die Radwege immer wieder unterbrochen werden. Die Velofahrer halten nicht gerne an, es wäre wünschenswert, wenn der Fahrfluss nicht immer wieder gestoppt würde. Das neu erlaubte Rechtsabbiegen am Rotlicht, bei markierten Verkehrsknotenpunkten, kommt mir sehr entgegen und bringt eine grosse Erleichterung.

Schön wäre es, wenn sich Velos und Autos besser «vertragen» würden und jedes Verkehrsmittel seinen Bereich hätte, damit sich diese nicht unnötig in die Quere kommen. Dabei wären Velowege, die sich als Netz durch die ganze Stadt ziehen, sehr wünschenswert.

Bikepacking:

Bikepacking ist Velofahren mit leichtem Gepäck. Meist ist man abseits befahrener Straßen unterwegs und hat eine Ausrüstung für mindestens eine Übernachtung dabei. Es gilt das Prinzip der Einfachheit: Je weniger Gepäck desto besser. Das Bikepacking hat seinen Ursprung in amerikanischen Mountainbike-Langstreckenrennen, den sogenannten „self-supported races“. Hierbei dauern die Etappen oft mehrere Tage und die Teilnehmer dürfen während des Wettkampfs nicht unterstützt werden.

Die Art und Weise wie man sein Velo packt, spielt beim Bikepacking eine wesentliche Rolle. Spezielle Bikepacking-Taschen werden mit Gurten und Klettverschlüssen direkt am Rahmen, Sattel und Lenker festgemacht. Das rückt den Schwerpunkt mehr in die Fahrradmitte und nach unten. Das Velo wird so geländetauglicher und man kann damit auch mal einen abgelegenen Trail fahren.

Tourenfahren (Radmarathon):

Ein Radmarathon ist eine organisierte Langstreckenradfahrt, die über einen oder mehrere Tage ohne Etappen ausgetragen wird. Radmarathons werden sowohl als Radrennen mit Wettbewerbs- oder Renncharakter (Brevet) als auch ohne ausgetragen.

Weitere Geschichten