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Aline Künzler, 25, Kurierin, Veloblitz Die Diversität von Velofahrenden wird zu wenig berücksichtigt. Aufgezeichnet von Cornelia Schlatter

Meine erste Velofahrt ohne Stützräder endete in einem Dornenbusch. Dornen steckten in meiner Haut. Ich rief meiner Mutter zu, dass ich nie mehr auf einen Velosattel steigen würde. Dies ist mittlerweile gut 20 Jahre her und das Velofahren ist nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Velofahren bedeutet für mich Freiheit und Leben. Es ist ebenso natürlich wie gehen, nur besser. Es löst bei mir Zufriedenheit und gute Laune aus. Das Velo ist für mich unglaublich vielseitig: Transportmittel, Arbeits- und Sportgerät, wie auch Verbindung zu Freunden und Mobilität für Ferien in jeder Himmelsrichtung.

Seit drei Jahren arbeite ich als Velokurier bei der Genossenschaft Veloblitz. Ich liebe meinen Job, fahre einfach unglaublich gerne Velo. Zuvor habe ich neben dem Studium drei Jahre für den Öpfelchasper frische Früchte und Gemüse ausgeliefert.

Vom Studentenjob zur Passion

Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Bern. Das Studium hat mich nach Zürich geführt. Mittlerweile kenne ich die Limmatstadt viel besser als meine Heimatstadt Bern.

Mit meinem 50 Prozent Pensum bei Veloblitz verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt und finanziere mein Studium. Mein erstes Studium in Agrarwissenschaften habe ich abgeschlossen. Zurzeit nehme ich an einer Weiterbildung in Logistik und Supply Chain Management teil. Dafür studiere ich einen Tag pro Woche an der ZHAW. Ausserdem arbeite ich für polyroly in Winterthur. Hier stellen wir in Handarbeit Veloanhänger aus Chromstahlrohren her. Diese sind verschraubt und dadurch extrem stabil, leicht und halten für die Ewigkeit. Diese handwerkliche Tätigkeit ist eine perfekte Ergänzung zur Arbeit als Dienstleister.

Zusammenspiel von Theorie und Berufspraxis

Da der Veloblitz genossenschaftlich aufgebaut ist, bieten sich interessante Möglichkeiten zur Mitarbeit in verschiedenen Bereichen des Unternehmens. Projekte fürs Studium verknüpfe ich stets mit aktuellen Themen aus dem Betrieb. Mitarbeit in der Buchhaltung, Auftragsannahme in der Disposition oder Recherchearbeiten sind weitere Beispiele. Ich schätze diese Abwechslung und die Vielschichtigkeit meiner Arbeit ungemein. Die Unternehmenskultur und die Perspektiven, die mir Veloblitz bietet sind grossartig.

Als Velokurier ist man Dienstleister. Man muss spüren und zeigen, dass man Freude an der Arbeit hat. Wir sind die Botschafter von Veloblitz, das Einzige, was die Kunden vom Veloblitz sehen.

Fixiefahren ist leidenschaftlich und herausfordernd

Das Velo ist für mich das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Tramfahren nervt mich, ich finde das extrem ineffizient. Mit dem Velo gehts schneller und bequemer. Klar, bei null Grad und Eisregen bin ich wenig motiviert, aufs Rad zu steigen. Aber wir sind Profis, auch unfreundliches Wetter gehört zu unserem Arbeitsalltag.

Als Velokurier muss man eine gute Grundfitness mitbringen, da wir durchschnittlich etwa 100 Kilometer pro Tag zurücklegen. Grundsätzlich können aber motivierte und dienstleistungsbewusste Menschen mit dem Willen dazu Kurier werden.

Bei Veloblitz bringt jeder sein eigenes Velo mit und ist dafür verantwortlich, dass dieses strassenverkehrstauglich ist. Ich fahre seit etwa zwei Jahren Fixie, ein Velo mit einem Gang und Starrlauf. Dadurch spürt man stets die aktuelle Geschwindigkeit und kann diese mit dem ganzen Körper regulieren. Dabei meine ich immer wieder die Lust meines Velos am Fahren förmlich fühlen zu können. Zudem ist das Fixie in der Anschaffung, wie auch im Unterhalt günstig und einfach.

Die Fixie-Szene ist im Aufschwung. Es gibt bereits vereinzelte Rennen. Sehr zu empfehlen ist natürlich das Züri-Crit*. Ein weiteres Velokurier-Hobby sind die Alleycats. Dies ist eine Art Schnitzeljagd auf dem Velo zu verschiedensten Themen, immer sehr abenteuerlich und spannend. Velokuriere empfinde ich als grundsätzlich unkomplizierte und lebensfrohe Menschen. Das gefällt mir sehr!

Verschiedenartige Velofahrer

Ich begrüsse es sehr, dass immer mehr Velowege gebaut werden. Die Velowege sind aber für eine bestimmte Art von Velos und Fahrer ausgelegt – meist für City-Cruiser, die gemütlich mit ungefähr 10 Kilometer pro Stunde unterwegs sind. Es gibt aber immer mehr Lastenvelos, Velos mit Anhänger und e-Bikes. Ich störe mich daran, dass die Velowege kurvig, eng und oft mit Hindernissen verstellt sind. Man sollte sich der Diversität der Velofahrenden bewusst sein und den verschiedenen Bedürfnissen Rechnung tragen.

Mehrere Velospuren zum Beispiel, eine schnelle und eine langsame, das würde einiges entschärfen. E-Bike-Fahrer oder Velokuriere entsprechen nun mal nicht dem Otto-Normal-Velofahrer. Ich ordne mich in Punkto Geschwindigkeit eher beim motorisierten Verkehr ein, als beim Alltagsvelofahrer. Will ich ausschliesslich auf Velowegen fahren, so muss ich mich zu stark anpassen.

City-Logistik im Umbruch

Über das neue Gesetz, welches ab nächstem Jahr das Rechtsabbiegen bei Rotlicht und entsprechender Signalisation erlaubt, freue ich mich sehr. Ich finde es aber schade, dass diese Regel nicht gleich generell eingeführt wird.

Ausserdem beobachte ich auch, dass in der Stadt zum Beispiel Veloanhänger zunehmend aber noch wenig genutzt werden. Da das maximale Betriebsgewicht bei 80 Kilogramm liegt, ist es aus logistischer Sicht leider nur begrenzt interessant einen Anhänger zu nutzen. Nach meiner Erfahrung ist diese Limite definitiv nicht mehr zeitgemäss. Das Velo als Gesamtkonstruktion und insbesondere die Bremssysteme wurden enorm verbessert. So können weit mehr als 80 kg auf sichere Art und Weise professionell transportiert werden.

Für mich ist Velokurier definitiv mehr als ein Studentenjob. In der City-Logistik wird in den nächsten Jahren enorm viel passieren. Grosse Veränderungen stehen an. Ich möchte gern Teil dieser Entwicklung sein und bin gespannt, wie es weiter geht. Meine Arbeit bei Veloblitz bietet mir auf allen Ebenen genug Herausforderung. Ich kann mich einbringen, Neues lernen und meine Fähigkeiten ausleben.

Infobox zu Fixie-Rädern

Fixed Gear Velos sind Fahrräder mit nur einem Gang und einer starren Hinterradnabe. Die Pedalen drehen daher beim Fahren immer mit. Die Fixies finden ihren Ursprung bei den Bahnrennen. Der Trend, diese auch im Alltag zu nutzen, ist von New Yorker Velokurieren nach Europa übergeschwappt.

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